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Bruno-Lösche-Bibliothek

Die Bibliothek, der dritte Ort

Unterwegs in der Bruno-Lösche-Bibliothek in Moabit-Ost
Ortstermin in der Perleberger. Das Interview erfolgt im Rahmen eines Rundgangs. Dem Mann merkt man sofort an, dass er mit sehr viel Herzblut bei der Sache ist. Michael Dressel arbeitet seit rund drei Jahren in der Bruno-Lösche-Bibliothek. Der aus Weiden in der Oberpfalz stammende Bibliotheks­wissen­schaftler studierte Literatur­wissen­schaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach ein paar Jahren im Bereich der Filmtechnik brachte er die Lese­förderung an der Kurt-Tucholsky-Bibliothek in der Rostocker Straße voran. „Damit stießen wir 2014 wie mit einem Messer in weiche Butter“, berichtet er über die sehr erfolgreiche Projektarbeit, durch die viele Kinder und Jugendliche zu einem Besuch der kleinen Stadtteilbibliothek im Moabiter Westen angeregt wurden. Seit 2017 arbeitet Michael Dressel, der schon früher als Student und auch heute mit seiner Familie in Moabit wohnt, nun als Lektor im Bereich der Belletristik an der Bruno-Lösche-Bibliothek. Zudem ist er der stellvertretende Leiter dieser Einrichtung. 

Die Kiezbibliothek – ein Ort zum Wohlfühlen
Die Bruno-Lösche-Bibliothek wurde 1964 als Hauptstelle der Stadt­bibliothek Tiergarten eröffnet und nach der Bezirksfusion zu einer Mittel­punkt­bibliothek ausgebaut. In Berlin sind die Bezirke für ihre Bibliotheken verantwortlich. Daher existieren 12 Stadt­bibliotheken und zusätzlich dazu die Zentral- und Landes­bibliothek Berlin (ZLB). Die Bücherei in der Perleberger Straße ist einer von sieben Standorten der Stadtbibliothek von Berlin-Mitte. Benannt ist sie nach dem SPD-Politiker Bruno Lösche, der von 1946 bis 1963 als Stadtrat für Volksbildung das öffentliche Büchereiwesen in Tiergarten förderte. Besonders bekannt wurde die Einrichtung in den letzten Jahren durch ihren Krimisalon. Dieser speziell diesem Genre gewidmete Raum, der seit 2008 besteht, ist einzigartig. Hier finden alle ein bis zwei Monate Lesungen statt. Über 6.000 Krimis unterschiedlicher Couleur laden zum Schmökern ein. Neben den Krimi-Klassikern und auch Werken von weniger bekannten Schriftstellern kann man mehr als 1.400 Hörbücher, über 1.400 Kriminalfilme auf DVD und BluRay sowie konventionelle und elektronische Detektiv- und Krimi-Spiele ausleihen. Auf einem Extra-Tisch präsentieren sich Buchverlage mit ihren Neuerscheinungen. Im Rahmen eines Azubi-Projekts konnten junge Erwachsene 2019 den Krimisalon nach ihrem Geschmack umgestalten. Sie haben dabei Regale umgestellt und Kategorien der Werke neu sortiert, um festzustellen, was man wie am besten präsentieren kann. Hier im Krimisalon, wo während des Interviews gerade zwei Männer in Magazinen blättern, bekommt man ein gutes Gefühl dafür, was Michael Dressel meint, wenn er von der Bibliothek als „drittem Ort“ spricht. Auch nebenan bei den Arbeitstischen und an den vier Computern, die gleich kurz nach der Öffnung um 10 Uhr zu einem Großteil besetzt sind, zeigt sich, was Bibliotheken derzeit für einen großen Wandel durchmachen. Die Entwicklung geht weg von reinen Büchereien nicht nur hin zu Einrichtungen, die multimedial aufgestellt sind, sondern vor allem zu Aufenthaltsorten.

Hier – an diesem „dritten Ort“ neben dem Wohn- und dem Arbeitsort – soll man sich in erster Linie wohlfühlen. Hier kann man lesen, lernen, vor Ort und dank kostenfreiem WLAN im Internet recherchieren, aber auch arbeiten, sich treffen und unter Leuten sein. Das geht bei schönem Wetter sogar draußen. Um den kleinen Lesegarten im Innenhof, der bei entsprechenden Temperaturen intensiv genutzt wird, kümmert sich der Förder­verein der Biblio­thek. Die Garten­möbel wurden über ein QM-gefördertes Projekt angeschafft. In „seiner“ Bibliothek ist – was heute ziemlich selten geworden ist – ein nicht kommerziell geprägter Aufenthalt möglich, freut sich Michael Dressel. Er ist einer von rund 15 Frauen und Männern, die in der Bruno-Lösche-Bibliothek arbeiten. Dass hier Teamgeist herrscht und alle Freude an ihrer Arbeit haben, ist ihm sehr wichtig. Ein Haus läuft so gut wie seine Mitarbeiter sind – jeder trägt einen Teil zum Ganzen bei, und das Team in der Lösche-Bibliothek gibt jeden Tag sein Bestes. Mit Herzblut bei der Sache zu sein, wirkt ansteckend. Die Besucher merken gleich beim Reinkommen, was hier für ein Wind weht. Der „Wohlfühlort“ ist ein Kommunikations- und Informationszentrum mit sehr vielfältigen Angeboten für die Freizeitgestaltung, zur beruflichen Orientierung und zum lebenslangen Lernen. Über 56.000 Medien kann man ausleihen oder vor Ort lesen, darunter 18.000 audiovisuelle und digitale Medien, 83 Zeitschriften und sechs Tageszeitungen sowie Titel der aktuellen „Spiegel“-Bestseller-Liste. Diese Bücher stehen – wie auch aktuell angesagte Filme – in einem Extra-Regal für Neuerwerbungen. Man kann sie für zwei Wochen kostenfrei ausleihen. Die Stadtteilbibliothek von Moabit-Ost verfügt auch über eine Sondersammlung der Werke von Kurt Tucholsky und Karl May. Die Belletristik-Titel sind – wie in Buchhandlungen üblich – nach Genres geordnet, so dass man z.B. als Thriller-Freund alles an einem Ort findet und nur in dieser Abteilung suchen muss. Sind Wunschtitel im Katalog nicht vorhanden, kann man sie dem Personal vorschlagen. Das Team der Bibliothek prüft die Ideen dann und schafft das Buch oder den Film vielleicht an oder besorgt die gefragten Medien über eine Partnerbibliothek. 

Lesestoff für Dreikäsehochs
Der Raum mit der Kinder- und Jugendbibliothek ist in grün und orange gehalten. Besonders sonnabends ist hier viel los, weil dann die wochentags arbeitenden Eltern Zeit haben, um mit ihrem Nachwuchs vorbeizukommen. Es gibt hier rund 9.000 Bücher, darunter auch einige in anderen Sprachen wie Englisch, Türkisch und Arabisch. Die Förderung der Lesefähigkeit und die Entwicklung von Medienkompetenz der jungen Besucher wird ganz groß geschrie­ben. So ist z.B. Nathalie Dimmer vom Moabiter Ratschlag e.V. mit ihrem neuesten Projekt EFRE-BIST II-Projekt der Bibliothek „BuKi – Bildung im Kiez“ hier verortet. Wobei der angestrebte Ort für diese Arbeit mit den Jüngsten momentan noch auf dem Hof der Bücherei steht. Es ist ein ausrangierter weißer Bibiliotheksbus, der noch in diesem Jahr für „BuKi“ fit gemacht werden soll. 

Ein paar Blicke hinter die Kulissen 
Michael Dressel zeigt den Rückgaberaum, der der Belegschaft vorbehalten ist. Hier werden die zurückgegebenen Bücher und anderen Medien von zwei Automaten sortiert und die Rückgabe verbucht. Alles, was toll ist und Personal spart, hat natürlich auch Nachteile, gibt der stellvertretende Leiter zu: Gab man früher ein Buch in nicht akzeptablem Zustand zurück, z.B. weil es vom Hamster angeknabbert wurde, dann gab es die Hürde der persönlichen Abgabe am Schalter. Heute muss die Bibliothek in einem solchen Fall den betreffenden Nutzer anschreiben und ihn oder sie zum Nachkauf des beschädigten Werkes bewegen.

In der ersten Etage befindet sich die Buchbindung, wo die „Veredelung“ der Bücher durchgeführt wird. „Hier wird alles fit für die Ausleihe gemacht“, verrät Michael Dressel, was bedeutet, dass jedes Buch ins System eingegeben wird, ein Label und einen Barcode erhält und damit für die Funkschranke gesichert wird. Wer schon immer mal wissen wollte, was die dreizeilige Kennzeichnung auf dem Buch­rücken bedeutet: Die oberen beiden Zeilen stehen für die sogenannte Notation. So werden alle Medien der gleichen Inhaltsrubrik benannt, z.B. steht Spra 25 (siehe Foto unten) für ein bestimmtes Gebiet der Sprachwissenschaften. In der dritten Zeile darunter befindet sich ein Kürzel, der für das ganz konkrete Werk steht. Dieses Systematik herrscht in allen 12 Stadtbibliotheken von Berlin, so dass man sich sehr gut zurechtfinden kann, wenn man mal in einer Bibliothek eines anderen Bezirks zu Gast ist. 

Michael Dressels Arbeitszimmer befindet sich – wie die Buchbindung – im Obergeschoss des Backsteinbaus aus den 1960er Jahren. Der gebürtige Bayer, der privat am liebsten Science-Fiction-Werke liest, sucht an seinem Schreibtisch gemeinsam mit einer Kollegin u.a. die Romane aus, die von der Stadtbibliothek Mitte angeschafft werden. Innerhalb der Stadtbibliothek herrscht Arbeitsteilung: während alle Romane der Gesamtbibliothek von der Bruno-Lösche-Bibliothek angeschafft werden, kümmert man sich an einem Bibliotheks­standort in Wedding um alle Sachbücher und an einem in Alt-Mitte um alle Hörbücher, Musik-CDs, Filme und andere audiovisuelle Medien. So können die jeweiligen Standorte Wissen und Erfahrungen bündeln und weiterentwickeln, und die anderen profitieren davon.

Obwohl es hier so schön hell ist und die Bibliothek insgesamt eine sehr anziehende Atmosphäre ausstrahlt, hat sie ein gra­vie­rendes Problem. Sie leidet unter Platzmangel, um alle nach­ge­fragten Angebote gut abdecken zu können. Es gibt z.B. viel zu wenige Arbeits­plätze für die Gäste. Momentan finden maximal 20 Personen an den Tischen Platz. Doppelt so viele wären wün­schens­wert: „Hätten wir 40 Stühle, dann wären bestimmt alle besetzt“, schätzt Michael Dressel. Und da wäre noch die Biblio­thek als „Ort für Macher“. Dieser neue Trend bedeutet, in einer Bibliothek auch mal einen 3-D-Drucker, ein Keyboard, einen Schnitt­computer oder eine Nähmaschine nutzen zu können oder mal eine Kameradrohne auszuprobieren. Aus den Platzgründen, und auch weil der Hauseigentümer mit seinem Grundstück in der Perleberger Straße künftig anderes vorhat, wird die Bibliothek als Gebäudenutzer mittelfristig umziehen. Geplant ist für sie ein Neubau in der Turmstraße in einem Gebäudekomplex zusammen mit der Berliner Staatsanwaltschaft. Der Umzug soll in rund vier Jahren, also 2024, stattfinden.

Noch kein Bibliotheksmitglied?
Für nur 10 Euro Jahresgebühr kann man sich jederzeit in der Bruno-Lösche-Bibliothek anmelden. Als Bibliotheksmitglied kann man nicht nur Bücher, Musik, Filme und Zeitschriften ausleihen oder vor Ort lesen, sondern hat auch Zugang zu interessanten digitalen Angeboten wie dem Streamingdienst Filmfriend.de. Recherche- und Datenportalen wie Brockhaus, Duden und Munzinger-Archiv sowie dem Portal sharemagazines.de, auf dem unzählige elektronische Zeitschriften zu finden sind. Auch Lesegeräte für E-Bücher sind für vier Wochen umsonst ausleihbar.

Kontakt
Bruno-Lösche-Bibliothek, Perleberger Straße 33, 10559 Berlin, Tel.: (030) 9018-33003. Geöffnet ist montags bis freitags von 10 bis 19.30 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr.

Text & Fotos © Gerald Backhaus

Zuerst erschienen auf der Webseite des Quartiersmanagements Moabit-Ost

3 Kommentare auf "Bruno-Lösche-Bibliothek"

  1. 1
    Netzgucker says:

    Hier eine interessante BVV-Anfrage, die weit in die Zukunft schaut. Denn die Bruno-Lösche-Bibliothek soll ja als sog. Mittelpunktsbibliothek einen Neubau zusammen mit der Staatsanwaltschaft in der Turmstraße 22 oder 23 bekommen, hier der Bezirksamtsbeschluss zur Projektvereinbarung von Jan. 2020:
    https://www.berlin.de/ba-mitte/politik-und-verwaltung/bezirksamt/beschluesse-des-bezirksamts/2020/993_2020_mittelpunktbibliothek.pdf
    In der Anfrage geht es darum, ob die Räume in der Perleberger Straße 33 für ein Nachbarschaftsprojekt genützt werden könnten. Das geht wohl nicht! (auf 2. Antwort vom 8.10.20 klicken!)
    https://www.berlin.de/ba-mitte/politik-und-verwaltung/bezirksverordnetenversammlung/online/ka020.asp?KALFDNR=3524

  2. 2
    Kiezbewohner says:

    Es gibt das Gerücht, dass der gemeinsame Bau von Bezirksamt und Staatsanwaltschaft in der Turmstraße zu scheitern droht, da die Finanzierung für die Bibliothek nicht gesichert ist. Dies wäre ein großer Verlust. Das bisherige Gebäude der Bruno-Lösche-Bibliothek ist zu klein und inzwischen auch marode. Für einen Neubau steht kein geeignetes bezirkseigenes Grundstück zur Verfügung und der Bürobau der Staatsanwaltschaft wäre ein reiner Zweckbau ohne Anbing an den Ortskern Moabit.

  3. 3

    Pressemitteilung von heute – vermutlich bald als pdf auch auf der Webseite:

    Presseerklärung zum geplanten Neubau der Mittelpunktbibliothek in der Turmstraße

    Neue Bibliothek in Moabit droht wegen Finanzierung zu scheitern!
    Seit Jahren war in Moabit geplant, die alte Bruno-Lösche-Bibliothek an der Perleberger Straße durch einen Neubau an der Turmstraße zu ersetzen. Denn die alte Bibliothek ist zu klein, vom Konzept veraltet, seit 1964 nicht mehr grundsaniert, und der private Eigner des Gebäudes möchte das Grundstück für einen Neubau mit Mietwohnungen nutzen.
    Da passte es gut, dass das unbebaute Grundstück an der Turmstraße 22 (zwischen dem Postgebäude und dem Neubau der Staatsanwaltschaft) dem Land Berlin gehört und es für das absolute Novum eines „Hybridgebäudes“ (bislang kennen wir nur Hybridautos) genutzt werden soll: In das Erdgeschoss und in den ersten Stock soll eine moderne Mittelpunktbibliothek mit Veranstaltungsräumen und einem Café kommen, in den oberen Etagen sollen Räume für die Staatsanwaltschaft geschaffen werden.
    Alle waren sich darin einig, obwohl es für die Berliner Verwaltung ein Novum wäre, wenn zwei Senatsverwaltungen und ein Bezirksamt für einen Neubau zuständig wären, nämlich Justiz, Finanzen und das BA Mitte. Aber auch dafür hatte man schon eine Lösung: eine Senatsverwaltung (SenJus) sollte die Federführung bekommen.
    Jetzt aber die Hiobsbotschaft, dass der Bezirk Mitte seinen Beitrag zur Finanzierung dieser Mittelpunktbibliothek nicht beisteuern kann! Dabei wäre gerade angesichts der bestehenden Defizite der Bildungs- und Kulturlandschaft im Stadtteil Moabit eine neue und moderne, ins unmittelbare Stadtteilzentrum eingebundene Bibliothek mit besucherfreundlichen Öffnungszeiten (sogar abends!) dringend notwendig. Da die Bruno-Lösche-Bibliothek innerhalb der nächsten Jahre aufgegeben werden muss und es in Moabit keine andere geeignete Ersatzfläche gibt, könnte es sogar sein, dass diesem Stadtteil und seinen BürgerInnen auf längere Sicht kein eigener Bibliotheksbau zur Verfügung steht.
    Nun, wir wollen hoffen, dass der Bezirk und Finanzsenator Kollatz in ihrem Chefgespräch am 7. Dezember noch eine konstruktive Lösung zur Verwirklichung der Bibliothek finden.

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