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Mit den Stadtnatur-Rangerinnen im Carl-von-Ossietzky-Park

Augen auf für alte Bäume und Höhlenbewohner

Foto: Theo Heimann

Ich war sehr gespannt, was mir Laura Damerius und Simone Völker, die beiden Stadtnatur-Rangerinnen des Bezirks Mitte, Ende Februar im Carl-von Ossietzky-Park zeigen wollten. Es waren: alte Bäume mit vielen kleinen und großen Höhlen, ideal für Fledermäuse und Höhlenbrüter wie den Haussperling u.a.

In diesem kleinen Park zwischen den Häuserreihen der Paul-, Melanchthon- und Spenerstraße stehen ungewöhnlich viele etwa 100 bis 120 Jahre alte Bäume, einzelne sind noch viel älter. Denn der Park war früher der Garten der Villa Pflug. Der Rittergutsbesitzer und Unternehmer Friedrich Adolf Pflug hatte 1839 an der Chausseestraße eine Maschinenbauanstalt für Eisenbahnwaggons gegründet und zog später nach Moabit. Seine beeindruckende Grabstätte befindet sich auf dem St. Johannis Friedhof. Die Eigentümer der Villa wechselten, später hieß der Park „Generalsgarten“. So viele alte Bäume auf einer nur 3 ha kleinen Fläche sind in der Innenstadt selten, denn nach dem Zweiten Weltkrieg fielen viele Bäume im Großen wie Kleinen Tiergarten der Säge zum Opfer, Brennholz wurde gebraucht.

Ein ganz besonders schönes Exemplar ist die große Blutbuche am Eingang von Alt-Moabit, die ein Schild als „Naturdenkmal“ ausweist. In der alten Eibe auf der anderen Seite des Weges entdecken wir ein Stieglitzpärchen, auch dieser Baum ist als Naturdenkmal geschützt. Die Liste der Naturdenkmale wird gerade überarbeitet, denn alle paar Jahre gibt es Änderungen, sei es, dass ein Baum doch gefällt werden musste, wie vor vielen Jahren die alte Eiche in der Zillesiedlung, oder neue Bäume oder auch Findlinge werden unter Schutz gestellt. Auch einen sehr alten Wacholder finden wir, der vermutlich noch aus der Zeit der privaten Parkanlage stammt.

Warum sind eigentlich alte Bäume so wichtig?
Ihre Hohlräume bieten nicht nur Verstecke und Wohnung für Fledermäuse und Vögel, sondern auch Unterschlupf und Nahrungsgrundlage für viele Kleintiere und Insekten, die wiederum Vögeln als Nahrungsquelle dienen. Das Grünflächenamt lässt in einigen Bereichen abgestorbene Äste, Stämme und Baumstümpfe liegen als Lebensraum für Flechten, Moose und Pilze, Spinnen und andere Insekten. Man spricht dabei heute nicht mehr von Totholz sondern von Biotopholz. Die Stadtnatur-Rangerinnen zeigen mir Höhlen des Haussperlings und in einer alten Linde eine bewohnte Starenhöhle. An ihrem oberen Rand sind die Hackspuren des Spechts zu erkennen. Stare ziehen in bereits existierende Höhlen. Mit ihren Schnäbeln können sich selbst keine hacken.

Im dichten Gebüsch finden wir Rotkehlchen. Die beiden loben das Grünflächenamt: „Hier wird glücklicherweise nicht übermäßig intensiv gepflegt. Auch Büsche und immergrüne Sträucher, wie Eiben und Berberitzen, sind als Verstecke wichtig für die Tierwelt.“ Im Carl-von-Ossietzky-Park sind viele verschiedene Vogelarten zu finden, die in Berlin sonst nur an ruhigen Orten wie auf Friedhöfen anzutreffen sind. Auch Eichhörnchen haben hier ihren Lebensraum. Wir entdecken es an einem ausladenden Haselstrauch.

Zwei Greifvogelhorste sind in den alten Bäumen zu entdecken, ob vom Habicht oder Mäusebussard konnten die Rangerinnen nicht klären, die Horste waren noch nicht bewohnt.

Während des Rundgangs treffen wir auf einen direkten Anwohner des Parks: Theo Heimann, der als Naturliebhaber und Fotograf fast täglich in Berlin unterwegs ist. Er kennt die Tiere im Carl-von-Ossietzky-Park gut. Er kritisiert jedoch den Baumschnitt des Grünflächenamtes als zu radikal und vor allem in der Schutzzeit. „Vor 2 Jahren ist ein Greifvogelhorst mit den Eiern heruntergefallen und seitdem nicht mehr bewohnt“, erklärt Heimann. Damals erschien ein Artikel in der B.Z. mit seinen Fotos.

Aufgaben des Projektes und der beiden Stadtnatur-Rangerinnen aus Mitte
Seit Mai 2020 sind Laura Damerius und Simone Völker im Rahmen des Pilotprojektes „Stadtnatur-Ranger“ der Stiftung Naturschutz Berlin tätig. Das Berliner Team besteht aus 22 Ranger*innen, je zwei pro Bezirk. Weitere vier Ranger*innen sind in Pankow aktiv, der als Bezirk einen eigenen Projektansatz verfolgt. Die Ranger*innen sollen zwischen Mensch und Natur vermitteln, zur Umweltbildung beitragen, den Naturschutzgedanken verbreiten und für ökologische Vielfalt sensibilisieren. Und zwar direkt in den Kiezen: denn Mensch schätzt oder schützt nur das, was er oder sie kennt.

Damerius ist in Moabit groß geworden, Völker wohnt in Moabit, das jedoch aktuell keinen Schwerpunkt ihrer Arbeit darstellt. Die Themenschwerpunkte werden in monatlichen Abstimmungsgesprächen mit dem Umwelt- und Naturschutzamt festgelegt. Sie liegen eher im Großen Tiergarten oder im Landschaftsschutzgebiet der Rehberge, wo für den Frühling eine Amphibienerfassung geplant ist.

In Moabit haben sie das Projekt des Moabiter Bildungsverbunds beraten: „Tiere bitte nicht füttern!“ In den Herbstferien 2020 gestalteten Grundschulkinder Hinweistafeln für den öffentlichen Raum um auf die Problematik der Fütterung von Wildtieren und Wasservögeln hinzuweisen – Wissensvermittlung spielerisch und experimentell. Beteiligt waren: Schulgarten Moabit, Bredow-Treff, Stadtschloss Moabit und Anne-Frank-Grundschule. Schließlich ist in vier Grünanlagen in Mitte das Füttern von Wildtieren und Wasservögeln verboten, ausführlichere Informationen auf der Webseite des Bezirksamts.

Im Ranger*innen-Team arbeiten auch mehrere Fachexpert*innen, z.B. ein Greifvogelexperte und zwei für Fledermäuse. Wenn deren Winterschlaf vorbei ist, planen Damerius und Völker in der Dämmerung im Carl-von-Ossietzky-Park das „Echometer“ einzusetzen. Mit diesem Gerät können die Ultraschallrufe der Fledermäuse aufgezeichnet und mittels einer App verschiedenen Fledermausarten zugeordnet werden. So kann beobachtet werden, ob neben den häufiger vorkommenden Arten wie Abendsegler oder Zwergfledermaus auch seltenere im Stadtzentrum zu finden sind. Denn es gibt einige Bäume, in denen Quartiere von Fledermäusen vermutet werden können, wie ein vermutlich durch Blitzschlag gerissener Baum oder eine mit Draht geschützte Höhle neben dem Boltzplatz.

Auch Beobachtung und Monitoring ist sind Aufgaben der Ranger*innen. Dafür wurde eine spezielle Software entwickelt. Die Ranger*innen haben auch die Genehmigung an versteckten Orten eine Wildtierkamera aufzustellen, um das Vorkommen nachtaktiver Tiere, wie z.B. den Dachs zu dokumentieren. Tiere passen sich an die Stadtumgebung an.

Die Haselnuss blüht längst. Sie ist eine der Zeigerpflanzen für den phänologischen Kalender. Die Klimaveränderung zeigt sich nicht nur an milden Wintern, sondern auch an früherem Laubfall von Bäumen. Hier steht die Forschung noch am Anfang. Probleme der Ökosysteme ergeben sich auch daraus, dass es sowohl Tiere und Pflanzen gibt, deren Aktivität abhängig von der Tageslänge oder von der Temperatur ist. Ein trauriges Beispiel ist der Trauerschnäpper. Durch seinen langen Anflug aus dem Süden und dem immer früher einsetzenden Frühling hier in Deutschland verpasst er die rechtzeitige Ankunft zum Frühlings- und Brutbeginn. Er brütet dann erst, wenn der Frühling schon fast vorbei ist und findet nicht mehr genug Raupen zur Fütterung der Jungen, denn diese haben sich bereits in Schmetterlinge verwandelt. Die Zusammenhänge sind komplex.

Damerius und Völker sind überzeugt, dass ihre Arbeit schon viel bewirkt hat, einerseits innerhalb des Amtes und andererseits auch in den Gesprächen mit Berlinerinnen und Berlinern.

Hier können Sie noch einen 22minütigen Filmbeitrag zum Projekt „Stadtnatur-Ranger“ anschauen:

Fotos: Theo Heimann (wir bedanken uns für die Nutzungsgenehmigung) und Susanne Torka

3 Kommentare auf "Mit den Stadtnatur-Rangerinnen im Carl-von-Ossietzky-Park"

  1. 1
    R@lf says:

    >>„Vor 2 Jahren ist ein Greifvogelhorst mit den Eiern heruntergefallen und seitdem nicht mehr bewohnt“, erklärt Heimann.<<

    Da scheint ja wieder einmal die richtige Trottel-Truppe unterwegs gewesen zu sein!
    Seit Jahrzehnten ärgere ich mich im Kiez über bewiesenermaßen nicht sachgerechte Baumbeschneidungen (teils zur Schutzzeit) und Fällungen von kerngesunden Bäumen. Natürlich wird das immer im Nachhinein gerechtfertigt. Ein besonders schlimmes Beispiel ist der inzwischen fast völlig entwaldete Nordhafen, wo es neben Fledermäusen und vielem anderen Getier sogar Eisvögel gab, die ich selbst dort beobachten konnte. – Passé.

    Gut, dass der ehemalige "Generalsgarten" ("General-General – wag es nur nicht noch einmal!" Tucholsky) nun nach dem Tucho-Freund Ossietzky benannt ist und sich noch eines einigermaßen intakten Zustandes erfreut. Aber hier heißt es wachsam sein – die Baumfrevler schlagen ohne Vorwarnung zu!

    Vielen Dank für den schönen Artikel und die besten Wünsche für die Rangerinnen!

  2. 2
    K. S. says:

    Interessanter Bericht!

  3. 3
    Susanne says:

    Ich fragte bei den Stadtnatur-Ranger*innen wegen der Platanen nach, die zur Zeit sehr viele Blätter verlieren. Hier die Antwort:
    „Nach unserer Kenntnis dürfte die Ursache dafür der Pilz Apiognomonia (Platanenblattbräune) sein. Dieser Pilz ist schon lange bekannt, also keine neue Erscheinung. Er tritt in der Regel im Zusammenhang mit einem sehr kühlen und feuchten Frühjahr auf und führt zu Blattverlust. Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass die Bäume wieder austreiben und es vermutlich nicht zu einer weitreichenden Schädigung der Bäume kommt.“
    Das ist beruhigend.

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