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Über Albrecht Haushofer, Autor der »Moabiter Sonette«

In der literarischen Welt und unter literarisch interessierten KiezbewohnerInnen sind die »Moabiter Sonette« ein Begriff. Die Lebensgeschichte ihres Autors Albrecht Haushofer und die dramatischen Umstände, unter denen sie entstanden, sind dagegen kaum bekannt. Dabei erzählt Haushofers Geschichte viel über den konservativen Widerstand zur Zeit des Nationalsozialismus. Haushofers stufenweise Wandlung vom Akademiker mit Standesdünkel zum politisch Widerständigen wirft interessante Fragen auf. Klug und zögerlich wie Hamlet ist er – und zu Unrecht vergessen. Albrecht Haushofer braucht, obwohl er die Katastrophe der aggressiven NS-Politik schon seit 1933 kommen sieht, ganze fünf Jahre, bis er sich zum aktiven Widerstand bekennt. Lange hat er vergeblich einzuwirken versucht, sich überschätzt und verzockt. Dann kriegt Haushofer doch noch die Kurve und wird – ironischerweise in der Haft – innerlich frei.

Zwischen Dezember 1944 und Februar 1945, in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs, schreibt sich Albrecht Haushofer in einer Zelle des Moabiter Zellengefängnisses alles von der Seele. In banger Erwartung des nahen Kriegsendes, beflügelt vom Bewusstsein, endlich doch noch offen und für alle sichtbar auf der richtigen Seite zu stehen. Unmittelbar bevor die Rote Armee das Kommando über die Stadt übernimmt, bevor er also in Sicherheit gewesen wäre, wird Haushofer in der Nacht vom 22. auf den 23. April mit anderen Häftlingen ermordet. Auf Befehl eines gewissen Gestapomannes, der mit Haushofer noch eine Rechnung offen hat. Knapp drei Wochen nach der Ermordung führt der Kommunist Herbert Kosney, einziger Überlebender der Erschießungsaktion, Haushofers Bruder Heinz zu den Toten.

Im Mai 1945 beschreibt Heinz Haushofer in einem Brief an die Eltern, wie er seinen Bruder gefunden hat: »Der Albrecht lag friedlich auf der Seite, als ob er eben zusammengefallen wäre. Anzeichen für einen Todeskampf waren nicht zu sehen, der Tod scheint augenblicklich gewesen zu sein. In seiner Tasche hatte er seine Abschrift der 80 Sonette, die er im Gefängnis geschrieben hatte und ein ThomasMorus-Fragment, an dem er zuletzt gearbeitet hatte.«

Heute findet sich an diesem Ort im Schatten des Hauptbahnhofes ein von Obdachlosen frequentierter kleiner Park, Übernachtungsmöglichkeit und Rückzugsort. Irmgard Schuhr, eine Schülerin des Geographen Albrecht Haushofer, wohnt in der Thomasiusstraße. Sie hatte Haushofer in der Haft mit Papier und Lebensmitteln versorgt und kümmert sich in jenen Maitagen gemeinsam mit Heinz Haushofer darum, dass der Tote angemessen bestattet wird. Ein Grabstein auf dem Kriegsgräberfriedhof Wilsnacker Straße erinnert heute noch an ihn.

Wer ist Albrecht Haushofer? In persönlichen Briefen an seine Mutter, auch in seinen wissenschaftlichen Artikeln entdeckt man Splitter eines Lebens. Zusammen ergeben sie ein bunt schillerndes Bild. Richtig oder falsch? Jahrelang quält Haushofer sich mit der Frage herum, wie er sich dem NS-Regime gegenüber verhalten muss. Wo liegt seine Verantwortung? Mitmachen und von innen einwirken oder ausscheren? Haushofer entscheidet immer fürs Drinbleiben. Trotz hellsichtiger Einsicht in die verbrecherische Natur des Systems. In bester Absicht und aus Verantwortungsgefühl, vielleicht auch aus Existenzangst bleibt er drinnen.

Albrecht Haushofer wird im Jahr 1903 als ältester Sohn des Geographen Karl Haushofer und dessen Ehefrau Martha in München geboren. Er ist ein altkluges Kind, eigenbrötlerisch, wissenschaftlich begabt. Gelegentlich schreibt er leicht pathetische Verse. Als national eingestellten Konservativen beschäftigt Albrechts Vater Karl Haushofer die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Er, der ehemalige Militär, sucht nach Wegen, in Friedenszeiten seinem Land als Wissenschaftler zu dienen. Karl Haushofer etabliert die Geopolitik, jene wissenschaftliche Disziplin, die den Menschen und seine Einwirkung auf die Umwelt in ihre Überlegungen einbezieht.

Zwischen der Familie Haushofer und der Elite im Dritten Reich bestehen persönliche Verbindungen. Während des Ersten Weltkriegs hatte Karl Haushofer den jüngeren Rudolf Hess kennen und schätzen gelernt. Die beiden unterstützen einander, wenn Not am Mann ist. Haushofers Einfluss hilft, die Reputation der Nationalisten durchzusetzen. Er soll Hess und Hitler nach deren Putschversuch im Jahr 1923 in der Haft mit Büchern versorgt haben. Umgekehrt beschützt Rudolf Hess ab 1933 die Familie Haushofer, deren Stammbaum mit jüdischen Vorfahren »belastet« ist.

Seit 1924 arbeitet Haushofer als Assistent von Albrecht Penck am Institut für Erdkunde in Berlin und hat gute Kontakte zu höchsten politischen Kreisen. Anders als Vater Karl, der den Ideen und dem großspurigen »Germany First« der Nationalsozialisten einiges abgewinnen kann, äußert sich der Sohn in seinen Briefen von Anfang an kritisch über die politischen Aufsteiger. Albrecht Haushofer will im Bereich Außenpolitik arbeiten, unter der immer autoritäreren Fahne des Nationalsozialismus werden ihm Politik und Wissenschaft zu schwierigem Gelände. Resigniert beobachtet Albrecht Haushofer, wie Institutionen in Windeseile zentralisiert und gleichgeschaltet werden. Für unabhängige Köpfe schwindet der Platz. »So, wie unsere deutsche Welt sich entwickelt, sehe ich keine Wirkungsmöglichkeiten für mich,… Daß ich mit akademischen Leben nichts zu tun habe, ist unter den jetzigen Verhältnissen ein Glück« schreibt er am 7. Mai 1933 aus dem italienischen Taormina an seine Mutter Martha.

Durch die Vermittlung von Rudolf Hess erhält Albrecht Haushofer im Juni 1933 das Angebot, eine Stelle an der Berliner Hochschule für Politik anzunehmen. Er zögert, schlägt schließlich doch ein, teils aus Mangel an Alternativen, teils aus Rücksicht gegenüber der Familie. Als freiberuflicher Berater in Sachen Außenpolitik steht Haushofer jetzt in engem Kontakt zu Rudolf Hess und später zu Hitlers Außenminister Ribbentrop. Haushofer sieht sich als Mahner, der auf unterschiedlichen Wegen auf die immer aggressiver werdende Außenpolitik einzuwirken versucht. Im Herbst des Jahres 1938 wird nach der Sudetenkrise und dem Münchner Abkommen offenbar, dass Sachargumente nicht mehr zählen. Haushofer stellt seine Beratertätigkeit ein. Da hat Ribbentrop schon »Secret Service Propaganda« an den Rand einer vertraulichen Mitteilung Haushofers zu Empfehlungen für die Politik gegenüber England gekritzelt. Haushofers Plan, von innen auf das System einzuwirken, ist komplett gescheitert. Mit Kriegsausbruch stellt er auch die Arbeit als Redakteur der Zeitschrift für Geopolitik ein. Den »Bericht aus der atlantischen Welt«, den er seit 1932 jeden Monat publiziert und in dem er das ganze Jahr 1938 über vor dem Krieg gewarnt hat, will er nicht mehr schreiben. Auch die Selbstachtung hat erheblich gelitten: »Wer sich unablässig selbst anspuckt, wird irgendwann wertlos,« schreibt Haushofer der Mutter.

Von da an setzt er sich literarisch mit dem Machtmissbrauch, mit der Zeitenwende auseinander. Er schreibt Römerdramen. Außerdem nimmt er ab dem Jahr 1940 Kontakte zu Ulrich von Hassell, Johannes Popitz und zu Carl Gordeler auf, einer Gruppe von Wissenschaftlern, die schon seit Jahren heimlich über eine mögliche Nachkriegsordnung ohne Hitler nachdenkt.

Albrecht Haushofer gerät im Mai 1941, kurz vor Beginn des Russlandfeldzugs, ins Fadenkreuz der großen Politik. Rudolf Hess hatte ihn im Jahr zuvor gebeten, seine vorzüglichen Kontakte nach England für eine geheime Friedensmission zu aktivieren. Zeitgleich und parallel zu diesen Bemühungen versuchen Haushofers Freunde aus dem Widerstand, in England Verbündete für einen Staatsstreich zu gewinnen. Haushofer spielt ein gewagtes Spiel: er will den Hess-Auftrag für die Sache des Widerstands nutzen. Hess’ Englandflug im Mai 1941 scheitert erwartungsgemäß – und Haushofer wird zu Adolf Hitler auf den Obersalzberg zitiert und anschließend wochenlang im Gestapo-Gefängnis in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße festgehalten. Reinhard Heydrich verhört ihn dort und der GestapoMann Müller, derselbe, der drei Jahre später den Befehl zu Haushofers Ermordung erteilen wird. Haushofer beweist gute Nerven, nachzuweisen ist ihm nichts. Er wird freigelassen und von da an intensiv bespitzelt. In den letzten Julitagen des Jahres 1944, im Trubel der allgemeinen Hetzjagd auf die Verschwörernetzwerke, setzt sich Haushofer in die heimatlichen Berge ab.

Die Gestapo ist ihm auf der Spur, sie lässt nicht locker. Im Dezember 1944 findet sie ihn, bringt ihn zurück nach Berlin, diesmal ins Zellengefängnis in der Lehrter Straße. Nach dem 20. Juli 1944 hat man hier Platz geschaffen für die vielen »Verräter«.

In der Haft schreibt Albrecht Haushofer weiter. In den Moabiter Sonetten blickt er intensiv, kritisch und geläutert auf seine konkrete Gegenwart und auf sein Leben. Er schreibt über ALLES. Über die Mücken und die Spatzen, die er von seiner Zelle aus beobachtet. Die Gefangenen, die vor ihm in der Zelle waren. Seine Schuld. Wichtige Menschen auf seinem Weg. Mutter und Vater. Freunde.

Im Februar sind die Sonette fertig, aber Haushofer schreibt weiter. Die Texte sollen als tröstende Lektüre zwischen den Häftlingen gekreist sein. Zuletzt über Thomas Morus, Staatsmann und Autor, Erfinder von Utopia, jenem wunderbaren Land, das noch erschaffen werden muss.

Anna Opel setzt sich literarisch mit Gegenwart und Geschichte des Bezirks Moabit auseinander. Ihr Roman Ruth.Moabit ist im März 2019 bei der edition.fototapeta erschienen. Aktuell schreibt sie Albrecht Haushofers Biographie.

Text: Anna Opel, Fotos: Christoph Eckelt, bildmitte
Zuerst erschienen in der »ecke turmstraße«, nr. 6, dez. 2019/jan. 2020

2 Kommentare auf "Über Albrecht Haushofer, Autor der »Moabiter Sonette«"

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    Zeitungsleser says:

    Jetzt gibt es in der aktuellen ecke turmstraße Nr 4 sept/okt 2020 wieder 2 Seiten über Albrecht Haushofer (Seite 4+5):
    https://www.turmstrasse.de/ts-images/aktuelles/ecke_nr4-20-turm_web.pdf
    Mehrere Veranstaltungen beschäftigen sich mit seiner widersprüchlichen Biographie, Beginn am 10. Oktober mit dem Dokumentarfilm „Die Sonette von Moabit“ (1996) und 2 Lesungen. Auf dieser Klappkarte sind die 3 Veranstaltungen zusammengefasst:
    https://moabitonline.de/wp-content/uploads/2020/09/haushofer-klappkarte_quer2.pdf
    … auf Seite 5 der ecke berichtet die Autorin berichtet über ihre Recherche während des Lockdown.

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