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Grobe Webfehler – Die Europacity entsteht in der Logik des maximalen Profits

Die Europacity nördlich des Hauptbahnhofs ist Berlins größtes inner­städt­isches Invest­itions­projekt – und mit Siche­rheit eines der umstrit­tensten. Auf einer Fläche sieben Mal so groß wie der Pots­damer Platz entsteht ein neues Stadt­viertel, das nach Auf­fas­sung der Bau­herren für ein urbanes Lebens­gefühl steht. Die Kritiker dagegen sprechen von einfalls­loser Archi­tektur und einer verpas­sten Chance, mitten im Herzen von Berlin ein modernes gemischtes Quartier zu schaffen. Es sei ein Bei­spiel dafür, dass man Stadt­­­planung nicht aus­schließ­lich den Investoren überlassen kann.

Im „Kunstcampus“ dient die Galerie als Kellerersatzraum, Foto: Sabine Mittermeier

Noch ist das Areal zwischen Nordhafen, Heide­straße und Humboldt­hafen eine riesige Bau­stelle. Doch die ersten Gebäude sind bereits bezogen, etwa die „Buda­­pester Höfe“ mit 204 Miet­­­wohnungen. Auch der „KunstCampus“ der Groth-Gruppe mit 120 exklusiven Eigen­­­tums­­­woh­­nungen direkt am Wasser ist bereits seit 2017 belegt. Der Name ist aller­­­dings etwas irre­­­führend. Zumindest ist derzeit von den ange­­­kün­­dig­­­ten Gale­­rien im Erd­­­ge­­schoss nichts zu sehen. Hinter einer Glas­­­front sind Fahr­­­räder abge­stellt. Der auf der Web­site ange­­prie­­sene „Treff­­­punkt für Vernis­­­sagen und Kultur­aus­­tausch“ dient nämlich als „Keller­­ersatzraum“.

„Man hat uns eine klein­tei­lige Ent­wick­lung ver­­­­spro­­­chen“: Susanne Torka, Betrof­fen­en­rat Lehrter Straße, Foto: Sabine Mittermeier

„Mix it like Berlin“ verkündet ein Bauschild am künftigen Stadt­­platz. Susanne Torka vom Betrof­­fenen­­rat Lehrter Straße erzählt, dass ausgerechnet hier, wo es für Woh­nun­gen viel zu laut war, ein Kinder­­­spiel­­­platz entstehen soll. Dass die viel befahrene Heide­straße einmal ein baum­bestan­dener Boule­vard zum Flanieren sein wird – so sieht es der Master­plan vor – kann sich die Stadt­akti­vistin kaum vor­stellen. Es scheint das Grund­problem der Europa­city zu sein: viel ver­sprochen – wenig umgesetzt. Oder könnte das alles noch kommen? Ist nicht jedes Neubau­gebiet am Anfang steril und leblos, wie manche ein­wenden? „Man hat uns eine klein­teilige Ent­wick­lung ver­­spro­­chen“, erklärt Susanne Torka. Bei der Standort­konferenz im Jahre 2009, als der Master­plan im Rahmen der Bürger­betei­ligung vorgestellt wurde, hieß es, die Bau­felder würden an viele unter­schied­liche Bau­herren vergeben, so dass jedes der sechs Teil­quar­tiere ein eigenes Gesicht bekommen würde. Dann wurde das Areal unter zehn Investoren aufge­splittet, die aber zum Teil mit­ein­ander ver­pfloch­ten sind. Statt abwechs­lungs­reicher Archit­ektur, so Torka, seien eintönige Blocks für Besser­ver­die­nende entstanden. Vor allem aber fehle es an Sozial­wohnungen und öffent­lichen Grün­flächen. Das ganze Quartier sei angelegt auf die Logik des maximalen Profits, kritisiert Torka.

Neubauten an der Heidestraße: jedes Teilquartier ein eigenes Gesicht?, Foto: Sabine Mittermeier

Der Architektur- und Stadt­kritiker Claus Käpplinger erzählt, dass er unlängst Archi­tekten aus Kopenhagen durch die Europa­city geführt habe. Diese seien „erschrocken bis amüsiert“ gewesen darüber, dass Berlin als Hauptstadt so kon­ven­tio­nell baut. „Das ist schade, denn ursprüng­lich war mehr gewollt“, sagt er.

Neubauten an der Heidestraße: jedes Teilquartier ein eigenes Gesicht? Foto: Sabine Mittermeier

Das Areal, einst wichtiger Bahn-Standort, gehörte vor der Entwicklung größten­teils zum Eisen­bahn­ver­mögen und damit dem Bund. Im Jahre 2008 hat dieser es an einen börsen­notier­ten Immo­bilien­fonds, die CA Immo, verkauft.

Damals waren Investoren noch nicht so zahlreich

Das Land hatte also nur begrenzten Einfluss – und war froh über den Groß­investor. „Man muss bedenken, dass die Planung aus einer Zeit stammt, in der Investoren noch nicht so zahl­reich Interesse in Berlin zeigten“, meint Thomas Krüger, Architekt und Geschäfts­führer von Ticket B, einem Büro, das Archi­tek­tur­füh­rungen anbietet, unter anderem durch die Europa­city. Das Land Berlin habe daher viele Zuge­ständ­nisse gemacht. Als größten struk­tu­rellen Fehler sieht er, dass der einge­plante Hafen wegge­fallen ist. „Das war ein Herz­stück und hätte den wesent­lichen Charme des Quar­tiers ausge­macht.“ Überhaupt habe man aus der Lage am Wasser viel zu wenig gemacht. Seine Befürch­tung: „Wenn nun auch noch die Flick-Hallen wegfallen, wird dies der Todes­stoß für die Europa­city sein.“ Die Flick-Sammlung ist seit 2002 in den von der CA Immo vermie­teten Rieck-Hallen neben dem Hamburger Bahnhof, dem Museum für Gegenwart, unter­gebracht. Der Vertrag soll dem­nächst aus­laufen. Im Juli wurde bekannt, dass sie mög­licher­weise einem Immo­bilien­projekt weichen müssen.

Kunst und Kultur spielten früher auf der einstigen Brach­fläche eine wichtige Rolle. In die „Halle am Wasser“ in der Heide­straße zogen in den 2000er Jahren eine Reihe kleinerer Galerien. Ateliers und Klein­gewerbe folgten. Wo heute der Kunst­campus steht, wurde im legen­dären Tape-Club gefeiert. Man wolle keinen Kahl­schlag betreiben, beteu­erten die Investoren stets, sondern an diese Ver­gangen­heit als Kultur­standort anknüpfen. Der im Jahre 2006, nach einem langen Planungs- und Abstim­mungs­prozess beschlos­sene Master­plan Heidestraße sieht einen flächen­mäßigen Anteil von 3 Prozent für Kultur und Kreatives vor. Für Büros sind 58 Prozent vorgesehen, Wohnen macht 34 Prozent und Einzelhandel/ Gastronomie 5 Prozent aus.

Muss die Kunst in den Rieckhallen („Sammlung Flick“) einer neuen Immobilie weichen?, Foto: Sabine Mittermeier

Wo war der Senat?

„Ich frage mich, wo die Kultur geblieben ist“, meint Käpp­linger. Die Rieck-Hallen hätten keine nennens­werte Verbindung zum Quartier und die ursprüng­lich geplanten drei bis vier Wohn­ateliers wurden nach­träg­lich gestrichen. Die Europac­ity, so der Archi­­tek­­tur­­kri­tiker, sei reprä­sentativ für eine Stadt­­ent­wicklung durch Investoren. Der Senat habe sträf­lich versagt: „Wenn man die Planung nicht aus­schließ­lich den Investoren über­lassen hätte, wäre deut­lich mehr zustande gekommen.“ Als Positiv­beispiel für eine urbane Mischung, das gleich­zeitig auch in die Nach­bar­schaft hinein­­wirkt, sieht er das genos­sen­schaft­liche Bau­pro­jekt Möckern­kiez. Auch die 16 knall­roten Häuser mit Eigen­tums­woh­nungen des Pro­jekts „Am LOK-Depot“ in Schön­eberg seien ein sozial und funk­tional gemischtes, viel­fältiges Stadt­quartier – das aller­dings unter den Anwohnern wegen der Gen­tri­fi­zie­rung des gesamten Umfelds um­strit­ten ist. Beide sind infolge ihrer viel geringeren Ausmaße aber nicht mit der Europa­city vergleichbar.

Neubauten an der Heidestraße: jedes Teilquartier ein eigenes Gesicht?, Foto: Sabine Mittermeier

Damit irgend­wann einmal Leben in das neue Quar­tier einzieht, gilt der Frage der Erd­geschoss­nut­zungen beson­deres Augen­merk. Werden sich Bewohner, Beschäf­tigte und Besucher hier gerne aufhalten, vielleicht auf ein Bier treffen oder ins Kino gehen? Ob angesichts der hohen Mieten kleine Läden für den Nahbedarf, etwa Bäckereien oder ein Zei­tungs­kiosk einziehen, darf bezwei­felt werden. Bislang gibt es gerade einmal ein Restau­rant. Ein Super­markt soll erst in einigen Jahren kommen. Im „Tour Total“, einem mar­kanten Hochhaus, in dem der Mineral­öl­kon­zern Total seine Deutsch­land­zentrale hat, sollte eigent­lich ein öffent­lich zugäng­liches Café ins Erd­geschoss ziehen. „Mit dem Tour Total erwacht Berlins Europa­city“ titelte die „Berliner Morgenpost“ bei der Grund­stein­legung 2011. Doch heute essen hier ausschließ­lich die Mit­ar­beiter in einer Kantine.

Ein weiterer Streitpunkt: die öffentliche Infra­struktur. Eine Kita ist bereits in Betrieb gegangen, eine zweite ist geplant. Ob das reicht, bleibt abzu­warten. Eine Schule hat der neue Stadt­teil nicht, aller­dings aus guten Gründen. Eine „Ghetto­schule“ nur für die Kinder der Besser­verdienen­den wollte niemand, daher ent­schied man sich, eine Schule außer­halb des Quartiers in der Boyen-/Chaussee­straße zu bauen, die auch Kinder der umlie­gen­den Kieze besuchen können. Doch wie die Kinder dahin kommen, solange weder eine S-Bahn noch eine U-Bahn fährt, ist unklar.

Foto: Sabine Mittermeier

Zwar wird derzeit die neue S-Bahn­linie S 21 vom Gesund­brunnen zum Haupt­bahnhof gebaut, doch man hat es ver­säumt, einen Halt für die Europa­city einzuplanen. Der nach­träg­liche Einbau eines Bahnhofs an der Perle­berger Brücke wird derzeit geprüft, wäre aber sehr kost­spielig. Zudem wird die S-Bahn nicht vor 2029 fahren. Eine Tram soll erst ab 2035 durch die Heide­straße rollen. Um die Europa­city mit den umlie­genden Quar­tieren zu verbinden, sind drei Brücken geplant. Doch nur eine, die nach Mitte, soll 2021 fertig­gestellt werden. „Ein leben­­di­ges Stadt­quartier, vernetzt mit den umlie­­genden Gebieten, ist das nicht“, lautet daher das Fazit von Claus Käpplinger. Selbst in der Ham­burger Hafen­city – wo übrigens die gleichen Entwickler am Werk waren – habe man ein bisschen mehr Wert auf die Infra­struk­tur gelegt: „Aber auch dort ist es jenseits der Büro­zeiten fast ausge­storben.“ Es sei viel zu spät und viel zu zaghaft damit begonnen worden, für die öffent­liche Infras­truktur zu sorgen.

Auch die Senatsbaudirektorin würde es heute anders machen

Zu den wenigen Fans der Europacity zählt Berlins Senats­bau­direk­torin Regula Lüscher. Sie hat den Master­plan maß­geblich mit erar­beitet. Auch sie würde heute einiges anders machen, wie sie unum­wunden einräumt. Vor allem würde sie sich mehr bezahl­bare Wohnungen wünschen. Doch dafür habe es damals keine recht­lichen Möglich­keiten gegeben. Zudem sei der enorme Zuzug in die Haupt­stadt damals noch nicht abzu­sehen gewesen. Auch neue Mobi­litäts­konzepte – Lade­sta­tionen für E-Autos, Flächen für Car­sharing und Leih­fahr­räder – hätten damals einfach noch nicht die Rolle wie heute gespielt. Hier sei man dabei, nach­zu­bessern. Die Schmähung der Europacity als mono­tone „Schlaf- und Bürostadt“ will sie jedoch nicht gelten lassen. „Ich freue mich, dass hier gute Archi­tektur entsteht“, sagte sie Ende 2017 bei der Grund­stein­legung des Projekts „The One“, einem Wohn­haus mit Eigen­tums­wohnungen. Mit der Ufer­promenade und dem Otto-Weidt-Platz als urbanem Zentrum werde man hier eine hohe Aufenthaltsqualität haben.

Katalin Gennburg von der Fraktion der Linken im Abge­ord­neten­haus findet die Europacity dagegen „schreck­lich wie den Pots­damer Platz“. Die Linken-Politikerin gehört zu den schärf­sten Kritikern des neuen Stadt­teils. Sie sagt: „Geld abladen und Rendite rekru­tieren ist die Sprache dieses Quartiers.“ Auf den letzten zwei Grund­stücken auf dem Areal, die noch in öffentlicher Hand sind, möchte sie Bauwagen­plätze oder ein Kunst­festival ansiedeln. „Es braucht solche Kontra­punkte zu all dem Kommerz.“

„Die neuen Bewohner brauchen mehr als Wohnungen“

Künstler Yves Mettler glaubt, dass die Europacity noch zu retten ist, Foto: Sabine Mittermeier

Yves Mettler und Alexis Hyman Wolff ärgert vor allem, dass es keiner­lei Einbe­ziehung der Nachbarn aus den Alt­bau­kiezen in Wedding und Moabit gibt. Die beiden Künstler aus Wedding haben sich im Rahmen ihres Projekts „Am Rand von EuropaCity“ Gedanken über den neuen Stadt­teil gemacht und dabei auch Bewohner inter­viewt – mit durchaus über­rasch­enden Ergeb­nissen. So sind auch einige Stu­den­ten in die teuren Miet­woh­nungen gezogen, weil sie in Berlin nichts anderes gefunden haben, wie ihnen eine Mieterin erzählt hat. Die beiden Kunst­schaf­fenden haben mehrere Work­shops und öffent­liche Spazier­gänge durch die Europa­city veran­staltet.

Bewohner-Spaziergang mit der Holzlatte, Foto: Sabine Mittermeier

Zur Europawahl im Mai zogen sie mit zahl­reichen Teil­nehmern mit Holz­latten durch das Viertel und ska­ndier­ten „inves­toren­freund­liche Archi­tektur“ oder „Wer kann da wohnen?“ Den beiden geht es nicht allein um Protest-Aktionen, vielmehr wollen sie zuhören, unter­schied­liche Stimmen sam­meln und Begeg­nungen zwischen alten und neuen Nachbarn anregen. Yves Mettler ist überzeugt, dass die neuen Bewohner mehr brauchen als nur Woh­nun­gen: „Wo können hier Chöre oder Bands proben? Wo gibt es Platz für kultu­relle oder gemein­schaft­liche Nutz­ungen, etwa einen Kiez­laden oder Werk­stätten?“ Er glaubt, dass es noch nicht zu spät ist, der Europacity Leben einzuhauchen.

Wagenburgen oder Kiezläden bei einem mil­liarden­schweren Projekt – das mag naiv sein. Doch letzt­end­lich geht es um die Frage, in welcher Stadt wir wohnen wollen.

Gastautorin: Birgit Leiß

 


Vom Bahngelände zum exklusiven Wohnquartier

Das Gebiet um die Heidestraße hat eine bewegte Geschichte. Mit dem 1846 gebauten Hamburger Bahnhof und dem Lehrter Bahnhof war es lange Zeit einer der größten Eisenbahnstandorte und Güterumschlagplätze Berlins. Im Zweiten Weltkrieg wurden große Teile zerstört. 1983 wurde in dem Niemandsland zwischen Ost und West ein Con­­tainer­­bahn­­hof angelegt. Nach dem Mauerfall verfiel das Areal in einen Dornröschenschlaf, bis es von Künstlern und Kreativen entdeckt wurde. Doch spätestens mit der Eröffnung des Hauptbahnhofs im Jahre 2006 war es mit der „Zonenrandlage“ endgültig vorbei.

2008 wurde auf der Grundlage eines städtebaulichen Wettbewerbs der Masterplan für die 42 Hektar große Fläche erarbeitet. Auf den Namen „Europacity“ hatte sich das Land Berlin mit den Eigentümern, der Deutsche Bahn und der Bahntochter Vivico geeinigt, um gerade an diesem Ort der Teilung ein Bekenntnis zur Einheit Europas abzugeben.

Wohnungsbau gibt es vor allem auf der Ostseite, die von der CA Immo entwickelt wird. Zwischen 13,50 und 16 Euro nettokalt pro Quadratmeter kosten die Mietwohnungen. Für eine 100 Quadratmeter große Wohnung in den „Wiener Etagen“ müssen rund 2000 Euro warm hingelegt werden. Im Quartier westlich der Heidestraße, wo erst später mit dem Bau begonnen wurde, sollen sie sogar noch teurer sein. Bauherr ist hier die Taurecon Real Estate.

Die Eigentumswohnungen im „The One“ an der Uferpromenade werden von der Buwog-Gruppe vermarktet. Kaufpreis: 5900 bis 8700 Euro pro Quadratmeter. An Abnehmern mangelt es trotzdem nicht.

Gastautorin: Birgit Leiß

 


„Gepflegte Tristesse – aber Berlin hat bekanntlich Abwehrkräfte“

Der Architekt und Autor Ulf Meyer hat in einem „taz“-Beitrag harrsche Kritik an der Europacity formuliert.

MieterMagazin: Ihr Artikel hat die Überschrift „Ohne städtebauliche Visionen“. Alles deute auf „gepflegte Tristesse“ und „lustlos entworfene Renditeobjekte“ hin. Was ist da schief gelaufen?

Foto: David Skopec

Ulf Meyer: Grundsätzlich halte ich es nicht für verwerflich, Rendite machen zu wollen, aber man kann sie auch mit Qualität erzielen. Zudem muss die öffent­liche Hand klare städte­bau­liche Vorgaben machen. Das ist hier nicht pas­siert, obwohl es die Mög­lich­kei­ten dazu gab. Warum hat man hier nicht eine Gestal­tungs­satzung wie am Pariser Platz for­m­uliert, um bestimmte Dinge vor­zu­schrei­ben? Dazu kommt: Durch das Über­angebot an Büro­flächen entsteht im Grunde ein urba­ni­sier­tes Gewerbe­gebiet – und zwar nicht irgendwo auf der grünen Wiese, sondern mitten in der Stadt. 3000 Wohnungen – über­wie­gend exklu­sive, teure Wohnungen – stehen mehr als 10.000 Arbeits­plätzen gegenüber. Die aller­mei­sten, die hier tags­über arbeiten, werden vermut­lich in das Vier­tel hinein­pendeln, viele mit dem eigenen Auto. Eine Stadt der kurzen Wege, wie sie inzwi­schen die Maxime im Städte­bau ist, kann die Europacity so niemals werden.

MieterMagazin: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Defizite?

Aus der Wasserlage haben die Architekten nichts gemacht, Foto: Sabine Mittermeier

Ulf Meyer: Was fehlt, ist ein attraktiver öffentlicher Raum. Die Lage am Wasser ist doch ein Pfund, mit dem man hätte wuchern können! Mit einem schönen, grünen Stadt­platz bei­spiels­weise. Statt­dessen wurde der geplante Stadt­hafen gestrichen und im Haus am Kunst­campus sind im Erd­ge­schoss Keller­ersatz­räume ein­ge­rich­tet worden, wo man Fahr­räder hinter der Glas­scheibe abstel­len kann! Das tut weh. Da sieht man, wie es nicht gehen sollte. Anders als in der Ham­bur­ger Hafen­city mit ihrer Elb­phil­har­monie fehlt außer­dem ein Magnet, der Leute von außer­halb anziehen könnte. Öffent­lich-kul­tu­relle Ein­rich­tungen wie eine Bib­lio­thek oder Sakral­bauten sucht man in der Europa­city vergeblich. Dabei sollte das Quartier hinter dem Haupt­bahn­hof eigent­lich eine Visiten­karte sein. Schließ­lich ist es das Entree zur Hauptstadt.

MieterMagazin: Heißt das, aus der Europacity wird nie ein lebendiges Quartier?

Ulf Meyer: Es wäre verfrüht, die Europacity totzusagen. Ich schließe nicht aus, dass es sich ent­wickelt. Das Gros der Gebäude ist noch gar nicht gebaut. Die Gefahr der Gleich­förmig­keit ist zwar da, aber es sind junge, gute Archi­tekten dabei. Außer­dem: Berlin hat bekannt­lich Abwehr­mecha­nis­men. Eine geleckte Stadt kann ich mir nicht vor­stel­len. Aller­dings: Wenn man ein Quar­tier möchte, das sozial, ethnisch und von den Gene­ra­tio­nen her gemischt ist, muss man die Europa­city sicher­lich als miss­lungen ansehen. Die Ver­bindung von Wohnen und Arbeiten im selben Haus – mittler­weile ein ganz großes Thema in der Archi­tektur – wurde hier gar nicht mit­ge­dacht. Städte leben von Über­rasch­ungen, von unde­fi­nierten Räumen und archi­tek­to­nischer Viel­falt. All das hat in der Europacity kaum Platz.

Interview: Birgit Leiß

 

Zuerst erschienen im MieterMagazin Ausgabe 9/2019 (Zeitschrift des Berliner Mieterverein e.V.)

8 Kommentare auf "Grobe Webfehler – Die Europacity entsteht in der Logik des maximalen Profits"

  1. 1
    R@lf says:

    Der potenzierte Bauwürfel-Schrott und -Etikettenschwindel mit dem großkotzigen Namen EUROPA-CITY war schon in der Anfangsphase der Planungen ersichtlich und wurde von mir und Anderen kritisiert. Das war natürlich nur ein Hüsteln im Investment-Tsunami und selbst kritische Geister hielten mein „Gemäkel“ für übertrieben. Nun haben wir den unwiderlegbaren Anschaungsunterricht nicht nur dort, sondern auch im benachbarten Mittelbereich Lehrter Straße, der nach ähnlichen Anfangsversprechungen auf das Dreifache verdichet wurde. Herausgekommen ist 60er-70erJahre-likes Gropiusstadt-Klima (Entschuldigung Gropiusstadt, du schöne Oase!) statt eines städtebaulichen und ökologischen großen, richtungsweisenden Wurfs, der möglich und nötig gewesen wäre. Der Ausverkauf öffentlicher Flächen fürn Appel und n Ei und die erbärmliche Kleinschraterei der berliner Bauplanung hat hier ihren umwerfenden Ausdruck gefunden. Alles Reparieren und Optimieren daran wird auf lange Sicht scheitern – erst wenn die abgeschriebenen Profitschachteln in Billigbauweise absehbar anfangen werden zu bröseln und die Immoblase wieder mal platzt, wird die heruntergewirtschaftete Betongold-Ruine das „Bahnhofsviertel“ aufnehmen – nicht eben zum Vorteil der Stadt und ihrer Bürger*innen. Bis dahin wird dort aber absehbar munter weiterspekuliert werden – cash machen bis zum Börsencrash.

    Retten könnte das Viertel nur eine völlige Umnutzung durch eine kreative und zukunftszugewandte Einwohner*innenschaft, die aber ob der scharfen finanziellen Selektion weit und breit nicht auszumachen ist. Eine solche Umnutzung ist natürlich eine völlig illusorische Vorstellung, würde dies doch geradezu revolutionäre Veränderungen der Gesellschaft und des wirtschaftlichen Gebarens bedeuten. Da ist schon eher eine dystopische Gated Community gegenüber dem Hauptwahnhof denkbar.

  2. 2
    H. E. says:

    Eine kleine Geschichte, die auch auf der Restaurantterasse am Hauptbahnhof spielen könnte, von der man auf die Europacity sieht:
    Piefke reist nach Rom und kommt auch irgendwann zum Forum Romanum. Wie er da so steht und auf die antiken Trümmer schaut, schüttelt er nur langsam den Kopf und sagt: Die könn‘ nich bau’n, wa !

  3. 3
    Vilmoskörte says:

    Ulf Meyer: „Statt­dessen wurde der geplante Stadt­hafen gestrichen“. Dass dieser alte Hut immer wieder hervorgeholt wird, wundert mich doch sehr. Schon der vor vielen Jahren durchgeführte landschaftsplanerische Wettbewerb für die Freiraumgestaltung der Europacity offenbarte die Inkompetenz der zuständigen Senatsbaudirektorin und ihrer Behörde: War sie doch nicht in der Lage, den am Wettbewerb beteiligten Architekten mitzuteilen, dass der Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal für Sportboote gesperrt ist, so dass alle Architekten Bötchen in den geplanten Stadthafen malten. Dann ist jemand in der Senatsbauverwaltung aus dem Tiefschlaf aufgewacht, was wohl dazu geführt hat, dass der Stadthafen gestrichen wurde – denn welchen Sinn hat ein Hafen, wenn dort keine Boote anlegen und er öd und leer da liegt?

  4. 4
    H. E. says:

    @ Vilmo:
    Trotzdem hätte man eine Wasserfläche dort lassen können. Eben nicht mit Kaimauern und Bootsanlegern, aber mit Terrassen zum Sonnen und Chillen, Schilfflächen usw.
    Beispiele sind die „Terrassen am Tegeler Hafen“, die „Alsterterrassen“ und die neue „Hafencity“ in Hamburg.
    Aber Frau Senatsbaudirektorin Luscher findet sicher auch die jetzige Lösung gut, genauso wie sie ja oft die Wettbewerbergebnisse für die Investorenklötzer gelobt hat.

  5. 5
    H. E. says:

    Im Tagesspiegel ist heute der Artikel „SAP baut Digitalcampus in der Europacity“.
    Demnach sollen auf 30.000 Quadratmetern in drei Gebäuden bis zu 1.200 Arbeitsplätze entstehen – und nicht eine einzige Wohnung.
    So provoziert man Zuzug nach Berlin und vergrößert dadurch die Berliner Wohnungsnot. Und den Pendlerverkehr verstärkt man ebenfalls.
    Aber der Regierende Bürgermeister (SPD) findet es gut.

  6. 6
    Susanne says:

    noch im Bau, schon vermietet, SAP im QH Track (die lange Reihe der Bürohäuser an der Bahnstrecke):
    https://www.morgenpost.de/wirtschaft/article227186713/SAP-investiert-200-Millionen-Euro-in-Berlin.html

    zum Überblick, was ist wo im Quartier Heidestraße (zwischen Bahnstrecke und Heidestraße):
    https://quartier-heidestrasse.com/de/quartier-heidestrasse/

    Der entsprechende Welt-Artikel bezieht das Scheitern des Google-Campus und die angespannte Wohnungsituation mit ein. Firmenansiedlungen bringen nicht unbedingt nur Vorteile:
    https://www.welt.de/wirtschaft/article200889676/Auch-SAP-will-beim-Berlin-Boom-dabei-sein.html

  7. 7
    H. E. says:

    Hier kann man sehen und hören, was für ein Fehler es ist, dass man auf das geplante Hafenbecken oder auch nur auf dessen Wasserfläche verzichtet hat – und obendrein den Humboldt-Hafen rundherum mit Investoren-Beton zuklotzt, auch dort, wo im Bereich an der Invalidenstraße früher mal eine Parkanlage war.
    https://www.zdf.de/gesellschaft/plan-b/plan-b-lasst-die-staedte-leben-100.html

  8. 8

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