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Nord-Süd-Gefälle wird stärker

Vor allem im Norden Moabits sind alarmierend viel Kinder auf Hartz IV angewiesen

Alle zwei Jahre veröffentlicht der Senat von Berlin einen neuen Bericht »Monitoring Soziale Stadtentwicklung«, in dem die soziale Entwicklung Berlins kleinräumig beschrieben wird. Jetzt kam der Bericht für das Jahr 2017 heraus, der die Jahre 2015 und 2016 erfasst. Es lohnt sich, ihn mit älteren Ausgaben zu vergleichen, um längerfristige Tendenzen erkennen zu können. Für Moabit wird dabei deutlich: Das Gefälle zwischen Nord- und Südmoabit wird eher noch stärker. Eine Ausnahme bildet dabei der Stephankiez, dessen Sozialdaten sich deutlich verbessert haben.

Seit Mitte der 2000er Jahre hat sich die Arbeitslosigkeit in Berlin mehr als halbiert und liegt inzwischen (Mai 2018) nur noch bei einer Quote von 8,1%. Im Dezember 2016, auf den sich die aktuellen Daten des Monitoring bezieht, betrug sie 9,2%. Der Bericht benutzt allerdings nicht die gängige Arbeitslosenquote, sondern den Arbeitslosenanteil – also den Anteil der arbeitslos gemeldeten Einwohner an der Gesamtbevölkerung im arbeitsfähigen Alter. Ende des Jahres 2016 liegt er für ganz Berlin bei 6,2%. Nördlich der Straße Alt-Moabit war er durchweg
höher, südlich davon (außer in der Zillesiedlung an der Invalidenstraße) überall niedriger. Doch fast überall ging der Arbeitslosenanteil gegenüber 2008 recht gleichmäßig um rund ein Drittel zurück, was etwa dem Berliner Mittelwert entspricht. Ausnahmen bilden dabei auf der einen Seite der Stephankiez, in dem sich die Arbeitslosigkeit glatt halbierte, und die Gebiete »Zillesiedlung« und der Huttenkiez, wo der Rückgang deutlich schwächer ausgeprägt ist. Das vergleichsweise bevölkerungsarme Gebiet »Heidestraße« entlang der Lehrter Straße klammern wir hier aus, weil hier soziale Einrichtungen das Bild erheblich verfälschen.

Sehr viel weniger positiv zeigt sich dagegen die Entwicklung des Anteils derjenigen, die zwar nicht arbeitslos, aber dennoch auf ergänzende Unterstützung durch staatliche Leistungen angewiesen sind. Dazu zählen nicht nur diejenigen, die ihren Lohn über Hartz IV aufstocken müssen, sondern z.B. auch Kinder in Hartz-IV-Haushalten und Rentner mit Grundsicherung. Ende 2016 beträgt ihr Anteil immer noch 12,2% an der Berliner Gesamtbevölkerung – gegenüber Ende 2008 (13,8%) ist das nur ein sehr geringer Rückgang. Und auch hier zeigt sich wieder das Nord-Süd-Gefälle in Moabit. Während südlich von Alt-Moabit dieser Anteil überall (mit Ausnahme Zillesiedlung) klar niedriger als der Berliner Durchschnitt ist, liegt er nördlich davon mit 23,9 bis 27,3% oft sogar mehr als doppelt so hoch, im Stephankiez (17,3%) und im Gebiet um die Emdener Straße (18%) immer noch deutlich höher. Dabei ist dieser Anteil im Stephankiez und im südlichen Moabit stärker zurückgegangen als im Berliner Durchschnitt, im Gebiet um die Zwinglistraße ungefähr genauso stark und in den übrigen Planungsräumen Nordmoabits (Beusselkiez, Emdener Straße und Lübecker Straße) spürbar schwächer, im Huttenkiez ist der Anteil sogar angestiegen. Da, wo sich die sozialen Probleme traditionell besonders ballen, lösen sie sich also auch in Zeiten des Wirtschaftswachstums in der Regel deutlich langsamer auf.

Das wird noch klarer, wenn man nur die Gruppe der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren betrachtet. Rund 27% der Kinder in Berlin sind auf Hartz IV angewiesen. Das ist zwar immer noch skandalös viel, doch dieser Anteil lag im Jahr 2008 noch bei 37,4%, ist also seitdem immerhin um mehr als ein Viertel (28%) zurückgegangen. Aber auch dieser Rückgang verteilt sich sehr ungleich auf die verschiedenen Stadtviertel. Während im Süden Moabits der schon 2008 unterdurchschnittliche Anteil an Kindern mit Hartz-IV-Bezug deutlich zurückging (so im Planungsraum »Lüneburger Straße« um 52%, im Raum »Elberfelder Straße« um 42%, in der Zillesiedlung um 39% und im Raum »Thomasiusstraße« um 33%), war der Rückgang im Norden weit weniger ausgeprägt (16–17% in den Gebieten Emdener Straße, Zwinglistraße und Lübecker Straße) oder kaum spürbar (5% im Beusselkiez). In der Huttenstraße stieg der Anteil sogar um 5%. Die Ausnahme bildet auch hier wieder der Stephankiez, wo der Anteil der Kinder in prekären Lebensverhältnissen um 30% zurückging. Der aktuelle Anteil schwankt zwischen gut zwei Dritteln (68%) im Huttenkiez und rund einem Sechstel (16%) im Planungsraum Elberfelder Straße. Im Beusselkiez, im Gebiet Zwinglistraße und im Stadtraum um die Lübecker Straße sind mehr als die Hälfte der Kinder auf Hartz-IV angewiesen, im Raum Emdener Straße knapp die Hälfte, im Stephankiez und in der Zillesiedlung gut ein Drittel und in den südlichen Gebieten Thomasiusstraße und Lüneburger Straße weniger als ein Fünftel.

Wenn man den gesamten Bezirk Mitte betrachtet, findet man sogar noch krassere Gegensätze. So lebt im Wedding durchgehend mehr als die Hälfte der Kinder in prekären Verhältnissen, im Altbaugürtel zwischen der Müllerstraße und dem Soldiner Kiez sowie der Gegend am Gesundbrunnen oft sogar über zwei Drittel, wobei sich die Situation nur sehr langsam verbessert. Im durch und durch gentrifizierten Planungsraum »Arkonaplatz« im Altbezirk Mitte sind es dagegen nur knapp 4%, bei einem rapiden Rückgang um zwei Drittel zwischen 2008 und 2016. Dort herrschen inzwischen schon Münchner Verhältnisse. In Moabit sind wir noch nicht soweit.

Text: Christof Schaffelder

Kommentar: Die soziale Mischung nimmt ab

Immer neue Berlin-Rekorde werden stolz verkündet: Boomende Wirtschaft! Arbeitslosenzahlen auf Tiefststand seit Anfang der 90er Jahre! Das ist zwar auf den ersten Blick erfreulich, sagt aber nichts über reale Lebensverhältnisse aus, denn die Statistiken der Agentur für Arbeit sind um etliche Faktoren »bereinigt«: Menschen in sogenannten »Maßnahmen« etwa, oder Arbeitnehmer, die in den vorzeitigen Ruhestand gehen. Vor allem aber sagt sie nichts darüber aus, um welche Jobs es sich eigentlich handelt. Denn es ist ja zu einem guten Teil auch der boomende Billiglohn-Dienstleistungssektor, der sich in der Statistik niederschlägt, es sind Menschen, die sich mit zwei und mehr schlecht bezahlten oder Minijobs über Wasser halten, Menschen, die trotz Vollzeitarbeit gezwungen sind, mit Hartz IV »aufzustocken« oder Wohngeld zu beantragen, weil der Arbeitsverdienst zum Leben nicht reicht – schon gar nicht angesichts steigender Mieten und Lebenshaltungskosten.

Genauere Auskunft über Lebensverhältnisse in kleinräumlichen Gebieten gibt das jährlich erscheinende »Monitoring soziale Stadtentwicklung« – hier fließen viel mehr Faktoren ein, ist die Betrachtung differenzierter. Doch auch hier lohnt sich genaueres Hinterfragen: Verbessern sich etwa die Sozialstrukturdaten in einem bestimmten Gebiet und Zeitraum deutlich, heißt das nicht zwingend, dass sich die Einkommen und Lebensverhältnisse etlicher Gebietsbewohner schlagartig verbessert hätten (das gibt es im Einzelfall durchaus auch, junge Leute etwa, die nach dem Studium einen gut bezahlten Job finden). Vielmehr deutet ein plötzlich steigender Sozialindex eher auf einen beträchtlichen Austausch der Gebietsbevölkerung, mithin Gentrifizierung hin. Noch klarer würde das Bild, bezöge man Faktoren wie Wohndauer, Miethöhe oder Pro-Kopf-Verbrauch an Wohnraum mit ein, wie es beispielsweise Sozialstudien für Milieuschutzgebiete tun. Aufschlussreich ist beispielsweise auch die Entwicklung des Anteils von Eigentumswohnungen.

Interessant am »Monitoring soziale Stadtentwicklung« ist darüber hinaus die Vergleichsmöglichkeit von Gebieten, aus der sich Aussagen über die soziale Entwicklung des gesamten Stadtraums ableiten lassen – umso mehr, bezieht man das Monitoring der Vorjahre mit ein, betrachtet also die längerfristige Entwicklung. Insbesondere die Spannweite bestimmter Werte ist dabei aufschlussreicher als jeder Durchschnittswert (»Der Teich war im Durchschnitt ein Meter tief, und trotzdem ist die Kuh ersoffen«). Was bedeutet es etwa für eine Stadt, wenn in bestimmten Quartieren der Anteil jener Kinder, die auf Transferleistungen angewiesen sind, um ein Vielfaches höher liegt als in anderen Quartieren? – Viele solcher Daten sind ein Indiz dafür, dass sich die soziale Kluft im städtischen Gefüge vertieft hat und sich auch kleinräumlich stark manifestiert. Dabei nimmt die soziale Mischung innerhalb einzelner Quartiere deutlich ab. Noch etwas fällt auf: Jene Gebiete, die längerfristig soziale Stabilität und wenige Extremwerte aufweisen, sind oft Gebiete mit einem hohen Anteil von Genossenschafts- oder kommunalen Wohnungen.

Text: Ulrike Steglich

Foto: Christoph Eckelt (bildmitte), Karte mit Legende aus: Gesamtindex Soziale Ungleichheit (Status/Dynamik-Index) mit Quartiersmanagementgebieten

Beide Texte sind zuerst erschienen in der “ecke turmstraße“, Nr. 4 – juli/august 2018 (pdf ist zur Zeit noch nicht im Netz verfügbar, die Hefte liegen aber bereits in Moabit aus)

Quelle: Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2017:
Bericht mit Kurzfassung (pdf)
Karten zum Bericht
Tabellen zum Bericht
Indikatorenblätter
Gesamtbericht (pdf, 2 MB)

Ein Kommentar auf "Nord-Süd-Gefälle wird stärker"

  1. 1
    Susanne says:

    Für Wedding und Gesundbrunnen ist beim Weddingweiser ein Artikel von Taylan Kurt „Was tun gegen die Armut im Wedding und Gesundbrunnen?“ erschienen, was für Moabit genauso gilt:
    https://weddingweiser.de/2018/07/18/sozialatlas-gastbeitrag-taylan-kurt/

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