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Vorhang auf: Theaterarbeit und Jobcoaching

… beim Bildungsmarkt in der Rathenower Straße

Interview mit Uta Kreher, Thomas Pasieka und Cennet Alkan

Der Raum in dem sonst nüchternen Bürohaus in der Rathenower Straße 16 atmet förmlich Theaterluft. Man merkt, dass hier künstlerisch-kreativ gearbeitet wird. Es hat etwas von einem Bühnenbild, wie die Schneeflocken hinter den beiden Theaterpädagogen Uta Kreher und Thomas Pasieka, die vor den großen Fenstern sitzen, während des Interviews den verschneiten Fritz-Schloss-Park noch weißer machen. An den Wänden hängen das Szenario des aktuellen Stückes und zahlreiche Fotos, im Raum befinden sich verschiedene Bühnenrequisiten. Thomas Pasieka bedient Laptop und Beamer, um Filmaufnahmen des 2020er Durchgangs  von „PEB – Im Rampenlicht zum Neuanfang“ zu zeigen. Die Abkürzung PEB steht für Partnerschaft – Entwicklung – Beschäftigung.

Zwei Theaterprofis: Uta Kreher und Thomas Pasieka

„Dafür habe ich in den letzten Monaten Filmschnitt gelernt“, erzählt Uta Kreher. Die gebürtige Münchnerin ist von Haus aus Bühnenbildnerin, wirkte u.a. an den Theatern von Trier und Mainz und lebt seit rund 14 Jahren in Berlin. Ihr Kollege Thomas stammt aus Lübbenau, studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater Rostock und wohnt seit 2012 in Berlin. Der Schauspieler und Sprecher arbeitete nach Engagements in Wilhelmshaven, Plauen und Zwickau im Theater an der Parkaue in Lichtenberg. Bei ihrem Projekt unter der Trägerschaft der kiezküchen gmbh, Tochtergesellschaft des bildungsmarkt unternehmensverbundes, einem der größten Bildungsdienstleister von Berlin, geht es um die berufliche Neueingliederung durch Coaching mit den Mitteln der darstellenden Künste. Das ist ungewöhnlich und spannend zugleich. 2019 fand diese Weiterbildung zum ersten Mal statt. Das Projekt läuft über drei Jahre jeweils als Durchgang über 10 Monate. An der Theaterarbeit mit Jobcoaching teilnehmen können Arbeitslose zwischen 20 und 60 Jahren. Ziel des Ganzen ist nicht eine Bühnenkarriere, sondern durch die eigene Schauspielarbeit Dinge zu lernen, die einen in der persönlichen Entwicklung weiterbringen. Neben dem Mut, den ein Bühnenauftritt erfordert, geht es dabei um vieles andere: „Verlässlichkeit zum Beispiel ist ein nicht zu unterschätzender Wert“, wie Thomas erklärt. „Wenn Du einmal bei einer Probe am eigenen Leibe merkst, wie schwierig es ist, wenn Dir Dein Anspielpartner fehlt, dann überlegst Du Dir sehr genau, ob Du eine weiteren Probe ausfallen lässt.“

Drei Durchgänge 2019, 2020 und 2021

An den beiden Durchgängen 2019 und 2020 beteiligten sich vor allem Leute, die bisher im Dienstleistungssektor gearbeitet haben und neue Inspirationen, eben auch kultureller Art suchen. Uta und Thomas motivieren und unterstützen sie nach Kräften bei ihrer beruflichen Orientierung. Eine wichtige Voraussetzung in der Theatergruppe mitzuwirken ist, dass man neugierig darauf ist, Neuland zu betreten und sich auf die Probenarbeit in einer Ensemblestruktur einzulassen. Normalerweise – damit ist die Zeit vor Corona gemeint, also der Durchgang 2019 – ist die Premiere eines Theaterstückes Ziel des Projekts und steht am Ende der 10 Monate gemeinsamer Arbeit. Das Stück „Wir sind noch einmal davongekommen“ von Thornton Wilder wurde Anfang 2020 in adaptierter Form im Theatersaal des benachbarten Zilleklubs vor rund 130 Zuschauern aufgeführt. Davon und von dem Hinfiebern auf die Premiere vor Publikum kann das Nachfolge-Ensemble von 2020 nur träumen.

Ensemblemitglied Cennet Alkan und „Das goldene Vlies“

Die Tür geht auf und mit Cennet Alkan kommt eine Teilnehmerin des aktuellen Ensembles hinzu. Die ausgebildete Schauspielerin stieß durch eine Empfehlung zum PEB-Projekt und erlebte durch die Corona-Auflagen einen ganz anderen Kurs als die Vorgängertruppe im Jahr zuvor. Proben konnten Uta und Thomas mit der 12-köpfigen Theatergruppe zwar in den Monaten der Lockerungen, doch wird es diesmal leider keine Aufführung wie 2019 geben. Ausgewählt hatten sie 2020 mit „Das goldene Vlies“ ein Drama in drei Teilen von Franz Grillparzer aus dem Jahr 1819. Die Gründe dafür waren vielfältig, u.a. die immense Bedeutung des Edelmetalls Gold als Objekt der Begierde über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende. Zum Beginn der gemeinsamen Arbeit standen neben der Recherche zum Thema auch Museumsbesuche wie die große Christo-Schau im Palais Populaire und eine Ausstellung im Gropius Bau, die sich fotografisch mit dem Maskulinen in seiner Widersprüchlichkeit und Komplexität auseinandersetzte. Für manche der Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren das die ersten Museumsbesuche überhaupt. Die Arbeit konkret am Stück beinhaltete zunächst einmal das Szenario. Grillparzers Stück, die Geschichte um Medea und Jason, wurde zu 12 Szenen verdichtet, adaptiert und durch Bezüge zu den heutigen Fluchtbewegungen über das Mittelmeer aus der Antike in die Gegenwart geholt. Das Stück spielt auf dem Clubschiff Aida und thematisiert Kreuzfahrt-Tourismus, Flucht, Asyl und Raubkunst sowie das Themenfeld Paarbeziehungen.

Vom Theaterstück zum Film

Bei den Proben wurde immer gefilmt, so dass rund eine Stunde Drehmaterial vorliegt. Daraus schneiden Uta und Thomas derzeit zusammen mit einem professionellen Cutter einen Halbstunden-Film. Ende Januar soll er fertig sein. Eine Vorführung wird es jedoch wohl nicht vor März/April geben. „Ideal wäre es, das gefilmte Theaterstück zu zeigen, und danach eine Art Making-Of-Film, der den Entwicklungsprozess der Beteiligten zeigt“, so Thomas. Wo das Ganze stattfinden kann, steht noch nicht fest, weil der Zilleklub wegen Umbauarbeiten geschlossen ist. Uta und Thomas halten die Augen offen und freuen sich über jeden Hinweis dazu, wo sie in Zukunft mit ihrer kleinen Theatergruppe proben können. Gesucht wird ein Raum mit genug Platz dafür in Moabit, denn „mit dem PEB-Projekt existiert hier ein einzigartiges kulturelles Angebot für Menschen, die sich ausprobieren möchten. Das ist ganz wichtig für die Nachbarschaft“, betont Thomas. Und Uta berichtet von einem Teilnehmer, der durch das Theaterprojekt nach vielen Jahren erstmals wieder in den Zilleklub kam, also dorthin, wo er sich einst als Jugendlicher in der Freizeit betätigte. „Er brachte zur Aufführung natürlich seine Familie und den Freundeskreis mit. Das war toll!“

Mehr Selbstbewusstsein und eine Stimme für die „Underdogs“

Während die großen Bühnen wie das Deutsche Theater oder die Schaubühne eher für einen geschlossenen Kreis produzieren, „gibt man hier den Underdogs eine Stimme“, ergänzt Cennet. Sie findet vor allem wichtig, bei dem Theaterprojekt zu lernen, „Fremderfahrungen zuzulassen und sich auf etwas ganz Neues einzulassen.“ Stichwort Ensemblebildung, ein wichtiger Punkt in der Theaterpädagogik: „Wir sind durch unsere Treffen und Proben immer mehr zusammengewachsen, mussten raus aus unserer Komfortzone und gemeinsam etwas durchziehen.“ Gestärkt wird dadurch vor allem das Selbstbewusstsein, damit man auch in Alltagssituationen fernab der Bühne sicherer auftritt. Uta und Thomas vermitteln Grundlagen des Einsatzes von Sprache und Körpersprache. Allein durch etwas Sprecherziehung bekämen manche Menschen mehr Mut, um sich zum Beispiel zu bewerben und ohne Scheu zu einem Vorstellungsgespräch zu gehen.

Aktiv in Moabit-Ost: Wer beteiligt sich am 2021er Durchgang?

Dass die Bewohnerschaft von Moabit Ost dem Theaterspiel gegenüber sehr aufgeschlossen ist, erlebte das PEB-Projekt beim Perlenkiezfest im Herbst 2019. „Da waren wir mit einer Installation in Form eines interaktiven Familientisches präsent,“ erzählt Thomas. Es ging um Themen wie Tod und Verlust. Durch Tonaufnahmen, die über Kopfhöher anzuhören waren, konnte man sich in verschiedene fiktive Familienmitglieder hinein versetzen und deren Gefühle nacherleben. Durch diese Installation konnten auch neue Leute für den 2020er Kurs gewonnen werden. Interessierte sind auch für den anstehenden Durchgang, der im März 2021 beginnt, herzlich willkommen. Wer Unterstützung und Orientierung auf dem Arbeitsmarkt sucht und sich gern einmal schauspielerisch betätigen möchte, meldet sich bitte direkt bei der kiezküchen gmbh.

Weitere Details zum Projekt „PEB – Im Rampenlicht zum Neuanfang“ und Kontakt zum Bildungsträger:

kiezküchen gastronomie & bildungszentrum rathenower küche,
Rathenower Straße 16, 10559 Berlin,
Projektverantwortliche: Julia Oellingrath und Christiane Wagner, Tel. +49-30-39782212, E-Mail: joellingrath@bildungsmarkt.org, www.bildungsmarkt.de

Text & Interview-Fotos: © Gerald Backhaus, Fotos vom Projekt 2019/20: Christiane Walter

Zuerst erschienen auf der Webseite des Quartiersmanagements Moabit-Ost.

Ein Kommentar auf "Vorhang auf: Theaterarbeit und Jobcoaching"

  1. 1
    Susanne says:

    Am 1. April startet der dritte und letzte Kurs. Es werden noch Teilnehmer*innen gesucht!
    Hier alle wichtigen Daten:
    https://www.bildungsmarkt.de/weiterbildung/coaching/peb_im_rampenlicht_zum_neuanfang/

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