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Kleines Mädchen – großer Wirbel

Japanischer Militarismus vor unserer Haustür

Weltpolitik direkt vor unserer Haustür? Was hat unser Moabit mit dem Zweiten Weltkrieg in Südostasien zu tun? Eine Menge! Seit dem 28. Oktober 2020 steht ein kleines Denkmal an der Ecke Birken­straße / Bremer Straße. Initiator vor Ort war der seit etlichen Jahren in Moabit – erst in der Rostocker Straße, jetzt in der Quitzowstraße – ansässige Korea-Verband. Er beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit den sogenannten Trostfrauen. Dies ist ein euphemistischer Begriff, hinter dem sich die Zwangsprostitution vieler junger Frauen und noch nicht erwachs­ender Mädchen verbirgt – sexuelle Sklaverei. Sie sollten den kaiserlichen japanischen Soldaten „Trost spenden“, ihnen also sexuell zu Diensten sein, um so die Kampfmoral der japanischen Truppen zu heben. Lange war das Thema als Tabu betrachtet worden, Japan hat sich seiner eigenen Geschichte nur unzureichend gestellt. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis sich noch lebende Betroffene an die Öffentlichkeit gewagt und ihr damaliges Schicksal publik gemacht hatten. Wütende Reaktionen aus Japan waren die Folge, eine echte Entschuldigung und eine echte Entschädigung für erlittenes Leid hat es dagegen nie gegeben. Mit einer Vereinbarung und einigen Zahlungen sollten dagegen die Wogen geglättet werden.

Trotz einer aus guten Gründen bewußt sehr zaghaften Mobilisierung waren viele Menschen zur Einweihung erschienen. Reden wechselten sich mit koreanischen Musik- und Tanzdarbietungen ab. Die Reaktion der Japanischen Botschaft ließ nicht lange auf sich warten: Der Abriß des Denkmals wurde gefordert. Es war nicht das erste Mal! Auch die gleichartigen Denkmale vor den Japanischen Konsulaten bzw. Botschaften in Busan und Seoul (beide Südkorea) wurden 2017 von Japan stark bekämpft, sogar der japanische Botschafter wurde nach Japan zurück­beordert. Aktuell wird auf allem Ebenen sehr großer Druck auf den Bezirk Mitte und das Land Berlin ausgeübt, auch von deutschen Politikern!

Das „Land des Lächelns“ zeigt hier eine garstige Seite, die aber „harmlos“ ist im Vergleich zu dem Wüten gegen seine Nachbarn im Zweiten Weltkrieg. Auch wenn Japan fern erscheinen mag, die Geschichte verbindet uns sehr eng, gerade im Zweiten Weltkrieg. Japan war neben Italien die dritte „Achsenmacht“, zusammen mit dem Deutschen Reich. Alle drei überfielen ihre Nachbarstaaten, alle drei wollten billige Rohstoffe und kostenlose (Zwangs-)Arbeitskräfte. Deutschland setzte dem noch ein sehr brutales „i-Tüpfelchen“ auf: Die industrielle Ermordung von sechs Millionen Juden. Bis auf die Shoah kann man die Kriegsziele und Schlachtpläne aber durchaus vergleichen. Letztendlich hatte ja das NS-Regime aufgrund der Angriffe auf Pearl Harbour aus Bündnistreue den USA den Krieg erklärt und sich auch auf den Schlachtfeldern des „Duce“ Mussolini in Nordafrika engagiert, als dessen Armeen in Schwierigkeiten gerieten.

Schon 1937 begann Japan seine Kriege gegen seine Nachbarn, das Massaker von Nanking (China) stellt einen frühen traurigen Höhepunkt dieses Krieges dar. Chinesen wurden bestialisch umgebracht oder regelrecht versklavt. Vollzogen wurden diese Greuel von einer extrem aufgehetzten japanischen Armee. Den Kult um den Tenno, den japanischen Kaiser, kann man dabei durchaus mit dem Hitlerkult hierzulande vergleichen. Allerdings mit einem großen Unterschied: Der jeweils amtierende Tenno gilt in der Japan eigenen Shinto-Religion als gottgleich. China folgten Korea, das heutige Vietnam, die Philippinen und andere und sogar Australien sollte der japanischen Einflußsphäre einverleibt werden. Britische Kriegsgefangene, die das Glück des Überlebens hatten, schilderten eine völlig enthemmte und marodierende japanische Armee – eine klare Folge der Verhetzung und ein absolutes Gegenstück zur sprichwörtlichen japanischen Höflichkeit! Eine Brutalität und ein Sadismus, der auch nicht im entferntesten noch etwas mit den Ehrenkodexen der Samurai, der japanschen Ritter, zu tun hatte. Die US-Soldaten, die in Form des sogenannten Inselspringens Insel für Insel zurückeroberten, schilderten ihnen unverständliches: Nicht nur Soldaten kämpften buchstäblich bis zur letzten Patrone und gaben sich lieber selbst die Kugel, anstatt sich gefangennehmen zu lassen, sondern auch Zivilisten stürzten sich von den Klippen in den sicheren Tod, auch Mütter mit ihren Kindern in den Armen. Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki waren daher regelrecht willkommene militärische Schläge, um sich in eine Opferrolle zu begeben, denn kriegsentscheidend waren sie nicht gewesen, obwohl dies immer wieder behauptet wird. Bis auf die bis dato unbekannten Auswirkungen der Radioaktivität glichen die „Ergebnisse“ nämlich denen der konventionellen Bombardements japanischer Städte: Aufgrund der traditionellen Holzbauweise brannten die Städte flächendeckend wie Zunder. Und nach Nagasaki wurden noch Großstädte wie Osaka konventionell bombardiert. Erst der Eintritt der in Europa siegreichen Sowjetunion in den ostasiatischen Krieg und die erfolgreiche Einnahme Okinawas durch die USA bewirkte die Kapitulationsüberlegungen Japans, denn nun drohte sicher ein Zweifrontenkrieg, der nach den hohen Verlusten – gerade im Bereich der Marine und der Luftwaffe – nicht mehr zu gewinnen gewesen wäre. Eine Invasion des japanischen Festlandes, also der vier Hauptinseln, durch die US-Truppen von Okinawa aus stand unmittelbar bevor.

Mögen vielen hierzulande die damaligen Überlegungen Deutschland gegenüber wie z.B. der Morgenthau-Plan als sehr drastisch erscheinen, so ist Japan gegenüber eine viel drastischere Maßnahme auferlegt worden: Im Gegenzug zur Tolerierung des undemokratischen Tenno-Systems ist der Artikel 9 in Japans Verfassung geschrieben worden: „(1) In aufrichtigem Streben nach einem auf Gerechtigkeit und Ordnung gegründeten internationalen Frieden verzichtet das japanische Volk für alle Zeiten auf den Krieg als ein souveränes Recht der Nation und auf die Androhung oder Ausübung von Gewalt als Mittel zur Beilegung internationaler Streitigkeiten. (2) Um das Ziel des vorhergehenden Absatzes zu erreichen, werden keine Land-, See- und Luftstreitkräfte oder sonstige Kriegsmittel unterhalten. Ein Recht des Staates zur Kriegführung wird nicht anerkannt“. Japan wurden lediglich sogenannte Selbst­ver­tei­digungs­kräfte zugestanden. Diese Defakto-Armee hat aber nicht in allen Bereichen vergleichbar große Rechte wie die Armeen anderer Länder, zum Beispiel in Bezug auf Enteignung von Grundstücken für militärische Zwecke. Um so erbitterter wird von konservativ bis ultrarechts gegen den Artikel 9 angekämpft. Gerade die quasi Dauerregierung durch die Liberal­demo­kra­tische Partei LDP (bis vor kurzem durch Premierminister Abe repräsentiert) will eine Veränderung der Verfassung, ebenso intensiv bekämpft die japanische Friedensbewegung dieses Unterfangen. Die notwendigen Mehrheiten zur Änderung der Verfassung im Sinne der Konservativen konnte daher noch nie erreicht werden. Obwohl doch mehrheitlich konservativ gewählt wird, ist vielen Japanern bei dem Gedanken, was ein abgeschaffter Artikel 9 für Japans Zukunft bedeuten könnte, sehr unwohl zumute.

Japan tut sich aber in einer anderen Frage bis heute sehr schwer gegenüber seinen Nachbarn und ehemaligen Kriegsgegnern: Anders als in Europa hat es nie eine Aussöhnung auf Staatsebene gegeben. Waren zum Beispiel Deutschland und Frankreich fast schon „ewig Erbfeinde“, so würde heute so gut wie niemand mehr auf die Idee kommen, das jeweils andere Land angreifen zu wollen. Sowohl Ähnliches wie die offizielle deutsch-französische Zusammenarbeit und Freundschaft, aber auch Jugendbegegnungen, sucht man im ost­asiatischen Raum vergebens. Japan hat so gut wie nie seine Kriegsschuld eingestanden oder sich um Versöhnungsgesten gegenüber seinen Nachbarn bemüht. So ist denn auch das harsche Vorgehen gegen die Trostfrauendenkmäler einzuordnen: Japan würde durch sie „sein Gesicht verlieren“, es wäre „antijapanisch“. Es nimmt daher nicht wunder, daß fortschrittliche Japaner, die sich zum Beispiel im Rahmen des Deutsch-Japanischen Friedensforums in Deutschland umgesehen haben, von der deutschen Form der Geschichtsaufarbeitung begeistert zeigen. Gegründet worden ist das Deutsch-Japanische Friedensforum 1987 von dem vor Jahren verstorbenen japanischen Schriftsteller und strikten Kriegsgegner Makoto Oda (er hatte als Kind noch die erwähnte Bombardierung Osakas selbst erleben müssen), der auch allen Anfeindungen zum Trotz eine Koreanerin geheiratet hatte. Koreaner werden – wie auch Angehörige anderer ostasiatischer Staaten – zum Teil stark diskriminiert. Für ihn galt die Maxime, wenn die offizielle Seite nichts für den Frieden tut, dann müssen eben die Bürger dafür sorgen.

Der Yasukuni-Schrein (sprich: Jasskuni) zeigt auf dem großen Tuch die sechzehnblättrige Chrysantheme, das Symbol des Tenno

Ein Teil des rüden Umgangs mit seinen Nachbarn offenbart sich auch im Yasukuni-Schrein in Tokyo. Dieser Schrein ist Teil der Shinto-Religion, in der es nicht den einen zentralen Gott gibt, sondern in der neben bedeutungs­vollen Gott­heiten, wie zum Beispiel der Sonnen- und Lichtgöttin Amaterasu (von der nach alten Mythen der Tenno abstammen soll), auch zum Beispiel örtliche Naturgottheiten wichtig sein können. Aber auch Menschen können nach ihrem Tod dort verehrt werden, wenn sie für das kaiserliche Japan ihr Leben geopfert haben, darunter auch Kamikaze-Piloten. Der Yasukuni-Schrein ist dabei insofern unrühmlich, weil dort auch japanischer „Kriegshelden“ gedacht wird, darunter den Verantwortlichen in Politik und Militär für die japanische Seite des zweiten Weltkriegs. Unter ihnen befinden sich auch viele verurteilte Kriegsverbrecher. Dabei kommt es noch dicker: Regelmäßig haben japanische Politiker, bis hin zu Premierministern wie Yazuhiro Nakasone, Junichiro Koizumi und zuletzt Shinzo Abe diesen Schrein offiziell am Jahrestag der Kapitulation Japans besucht – man stelle sich den Wirbel in Europa vor, wenn Bundeskanzler offiziell am 8. Mai eine Gedenkkirche besucht hätten, in der Leute vom Schlage eines Göring, Himmler oder gefallene KZ-Bewacher verehrt würden! Auch eine weitere Eigenart sorgt für Ärger mit den Nachbarn: Zwangsweise in die japanische Armee gepreßte und im Krieg gefallene Männer, unter ihnen viele Koreaner, werden dort verehrt. Was wie ein versöhnender Ausgleich aussehen mag, sorgt aber bei vielen religiösen Menschen in anderen Ländern für größten Unmut, denn sie sehen ihre toten Angehörigen für eine ihnen fremde Religion mißbraucht an, ein Ort der Trauer wird ihnen verwehrt. Dagegen arbeitet zum Beispiel eine Gruppe buddhistischer Mönche auf der nördlichen Hauptinsel Hokkaido an, die koreanische Kriegstote exhumiert und für die Überführung in ihre Heimat sorgt, so noch die Namen der Toten und ihre Angehörigen zu ermitteln sind. Dem Ganzen wird direkt neben dem Schrein noch durch ein Kriegsmuseum (Museum Yushukan) die Krone aufgesetzt: Japanische Kriegstechnik wird ausgestellt und der Krieg, zum Beispiel mit stimmungsvollen Dioramen, regelrecht verherrlicht. Auch Kamikaze-Einsätze, also Selbstmord mittels fliegender Bomben, werden durch das Zurschaustellen eines entsprechenden Flugzeugs und den Erklärungen dazu als patriotisch dargestellt. Man stelle sich in Deutschland neben der hypothetischen Gedenkkirche noch ein ebenso hypothetisches Museum für Wehrmacht und Waffen-SS vor, in dem deren „Heldentaten“, zum Beispiel die Bombardierung Guernicas oder die Torpedierung neutraler ziviler Schiffe durch deutsche U-Boote, in höchsten Tönen gepriesen würde.

Kamikaze-Flugzeug vor einem kriegsromantischen Diorama

In den beiden offiziellen Atom­bomben­museen in Hiroshima und Nagasaki wird aus­führ­lich auf die Wirkungen der Atom­bomben eingegangen, zum Teil werden sie mit grau­samen, schwer auszu­hal­ten­den Bildern doku­men­tiert. Minutiös wird der jeweilige Weg von der Idee über den Bau und die Funktions­weise bis zum Einsatz der beiden technisch ver­schie­denen Bomben dargestellt. Nur eines fehlt völlig: Die Vor­geschichte, also Japans Schuld an diesem Krieg. Es wird ledig­lich die Seite der zivilen Opfer dargestellt, die ost­asia­tischen Opfer des brutalen militär­ischen Expansions­dranges werden nicht erwähnt. Es lebt sich bequem in der selbst­gewählten Opferrolle. Ein privates Atom­bomben­museum, besser ein Friedens­museum, klärt dagegen in Nagasaki über die fehlenden Teile der Geschichtss­chreibung auf.

Da mag man es als fast schon selbstverständlich ansehen, daß die japanischen Faschisten gut organisiert und uniformiert mit Lautsprecherwagen durch die Städte fahren und ihre Ideologie preisen. Man fühlt sich an Filme über die SA erinnert – nur eben auf japanisch und im Heute. Sie schrecken auch nicht vor politischen Morden zurück, gerade gegen Kommunalpolitiker bis hin zu Bürgermeistern.

Nun mag dieser Artikel sehr antijapanisch klingen, das soll er aber nicht, denn ich habe sowohl in Japan als auch hier in Berlin sehr viele Japaner kennengelernt, die sich wie ich Sorgen um diese Politik machen. Die japanische Höflichkeit ist sprichwörtlich, allerdings kann sie nur noch gespielt sein, wenn man in Fettnäpfchen tritt. Als ein solches „Fettnäpfchen“ wird von offizieller Seite auch das kleine Denkmal vor unserer Haustür angesehen. In diesem Falle sollten wir aber nicht mehr höflich sein – gerade angesichts der vielen negativen Gemeinsamkeiten mit Japan im Zweiten Weltkrieg, sondern uns mit allen friedliebenden Menschen, egal welcher Nation sie auch angehören mögen, zusammen gegen die Abrissforderungen der japanischen Regierung wehren. Nicht zu vergessen: Die Vorgehensweise der japanischen Regierung stellt eine klare Einmischung in die inneren Angelegenheiten unseres Landes dar – würden wir in dieser Angelegenheit klein beigeben, würden wir auch unsere eigene Geschichtsaufarbeitung ein wenig unglaubwürdig machen.

Text und Fotos: Andreas Szagun

14 Kommentare auf "Kleines Mädchen – großer Wirbel"

  1. 1
    Susanne says:

    Danke Andreas, dass Du so schnell diesen informativen Artikel geschrieben hast. Neben den im Artikel verlinkten Seiten, auf denen die AG Trostfrauen den Hintergrund der Symbolik und die Geschichte genauer erklärt, wollen wir noch hinweisen auf diesen Thread bei twitter:
    https://twitter.com/remueh/status/1314200386299817987

    Gestern erschien Aro Kuhrts Artikel zur Friedensstatue, dem Denkmal für die sog. „Trostfrauen“, der schon gleich nach der Einweihung eingereicht worden war:
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/frauen-im-schatten-ein-denkmal-fuer-die-asiatischen-trostfrauen-li.109784
    und am gleichen Taga hat das Bezirksamt schon die „Genehmigung aufgehoben“ und den Abbau verfügt – empörrend!
    https://www.berlin.de/ba-mitte/aktuelles/pressemitteilungen/2020/pressemitteilung.1001656.php

    2 Artikel aus einer japanischen Webseite:
    https://sumikai.com/japan-erleben/in-deutschland/berlin-feiert-enthuellung-der-ersten-oeffentlichen-trostfrauen-friedensstatue-281111/
    https://sumikai.com/nachrichten-aus-japan/dokumente-belegen-rolle-der-japanischen-regierung-bei-der-rekrutierung-von-trostfrauen-263527/

    https://taz.de/Umgang-mit-sexualisierter-Kriegsgewalt/!5716087/
    https://taz.de/Entfernung-einer-Trostfrauen-Statue/!5719035/

  2. 2
    Jürgen says:

    Auf der Website zur Japanologie der Universität Leipzig wird anlässlich der Aufstellung der Friedensstatue in Berlin-Moabit über die Invention durch den japanischen Außenminister gegenüber Heiko Mass, sowie über frühere Interventionen in Form von „Geschichtskriegen“ zu Friedensstatuen berichtet:
    https://japanologie.gko.uni-leipzig.de/news/was-bedeutet-es-eigentlich-dass-in-berlin-eine-friedensstatue-in-form-einer-trostfrau-aufgestellt-wurde/

  3. 3
    Sabine vB says:

    Danke für all diese Infos. Dass Japan sein Gesicht verliert, weil in Moabit der „Trostfrauen“ gedacht wird, ist ja schon heftig. Aber ich denke, Unrecht zu benennen ist der erste Schritt, der getan werden muss in Richtung Überwindung. Was ja leider noch nicht bedeutet, dass man da auch hinkommt. Reue und Vergebung brauchen einen langen Atem – ein „sorry“ führt nicht weiter. Ich habe wenig bis gar keine Ahnung von japanischer Geschichte, aber ich meine, wir können uns nicht vorschreiben lassen, wann, wo und wie wir uns zu erinnern haben. Ich bin – gelinde gesagt – erstaunt, wie fix unsere Behörden da einknicken. Auch die Stellungnahme unseres Bürgermeisters ist mir schlicht unverständlich. Dann gedenken wir eben auch anderer „Unrechte“ – Ich kann und will nicht glauben, dass die kleine koreanische Dame an der Birkenstraße den sozialen Frieden im Kiez gefährdet. Binsehr

  4. 4
    Sven says:

    Hallo Andreas,
    vielen Dank für Deinen ausführlichen Artikel.

  5. 5
    Jürgen says:

    Die AG Trostfrauen berichtet von zwei laufenden Petitionen zur in Moabit installierten Friedensstatue: Die deutschsprachige Petition von der Studentin Ah-Hyun Angela Lee sammelt Unterschriften gegen die Entfernung der Friedensstatue. Eine koreanischsprachige Petition richtet sich an das Blaue Haus, den Sitz des südkoreanischen Präsidenten, und fordert die südkoreanische Regierung zum Handeln auf.

    Am Dienstag, 13. Oktober findet eine zweistündige Demonstration gegen die angeordnete Entfernung der Friedensstatue statt, zu der der Koreaverband aufruft. Treffpunkt ist um 12 Uhr an der Friedensstatue (Birkenstraße Ecke Bremer Straße) mit mitgebrachten Stühlen. Um 12:30 Uhr startet (mit den Stühlen) der Marsch zum Rathaus Tiergarten, vor dem um 13 Uhr eine Kundgebung stattfinden soll. Der Koreaverband bittet „Bringt eure Stühle mit, tragt einen Mund-Nasen-Schutz und bereitet eure Reden vor.“ Er bietet an auch Demonstrationsteilnehmer*innen an bei der Demonstration zu sprechen.

  6. 6
    Andreas Szagun says:

    O f f e n e r B r i e f

    Betrifft: Ihr Widerruf der Genehmigung der Friedensstatue zur Zwangsprostitution

    Sehr geehrter Herr Bezirksbürgermeister,

    liest man Ihre Pressemitteilung, dann fragt man sich, wie tief einzelne Politiker wohl noch sinken können! Haben Sie vergessen, daß „wir“ aufgrund des Übereinkommens der damaligen Achsenmächte Japan, Italien und Deutschland formal Mitbeteiligter dieses Krieges waren, weil nach der Bombardierung Pearl Harbors Deutschland den USA ebenfalls den Krieg erklärt hatte? Damit haben wir auch das Recht, uns in dieser Frage zu äußern! Der Text an der Statue ist sehr knapp und so gut wie nicht wertend – wenn schon dies die japanischen Nationalisten und Militaristen in Wallung bringt, dann zeigt das um so mehr, wie wichtig es ist, hier klar Stellung zu beziehen. Wenn „wir“ uns aus historischen Konflikten anderer Staaten heraushalten sollen, warum hat dann der Bundstag eine Resolution zu Armenien beschlossen, obwohl es im Vorfeld Druck aus Ankara gegeben hatte? Wie ernst kann man all die Verlautbarungen gegen die Genitalverstümmelung von Frauen nehmen, wenn auf den Fingerzeig einer fremden ausländischen Macht das Benennen eines fürchterlichen Verbrechens gegen Frauen unterbunden wird? Wie ernst kann man diese ganzen Gendersternchen und Gender-I nehmen, wenn das Kriegsverbrechen der Zwangsprostitution nicht benannt werden darf? Wie ernst soll man die Beteuerungen zu einem kommunalen Wahlrecht für Ausländer nehmen, wenn es Menschen mit ausländischen Wurzeln, die zum Teil die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, untersagt werden soll, öffentlich auf Kriegsverbrechen hinzuweisen? Wie ernst sind dann unsere Solidaritätsbekundungen zu den vor allem von mutigen Frauen getragenen Protesten gegen die Wahlfälschungen in Belorußland zu nehmen?

    Herr Bezirksbürgermeister, bei der benannten Zwangsprostitution von jungen Frauen und halben Kindern handelt es sich nicht um irgendwelche „zwischenstaatlichen und insbesondere historischen Konflikte“, sondern um Kriegsverbrechen, die durchaus mit denen der Wehrmacht in den von Deutschland besetzten Gebieten vergleichbar sind! Wir stellen uns unserer Geschichte, es wäre angebrachter, wenn auch Sie ihren Beitrag dazu leisten würden, daß auch unser damaliger und heutiger Verbündeter einen solchen Schritt der Versöhnung und des Friedens beschreitet, anstatt seine Nachbarn zu behandeln, als wären sie heute noch Besiegte. Artikel 1 unseres Grundgesetzes sagt eindeutig:
    „(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
    (2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“
    Ich erwarte auch von Ihnen als Bezirksbürgermeister, daß sie sich in dieser Form engagieren und nicht vor fremden ausländischen Nationalisten kuschen!

    Gerade die Aussöhnung mit dem ehemaligen „Erbfeind“ Frankreich zeigt, wie es anders gehen kann. Warum mischen Sie sich nicht in die inneren Angelegenheiten Japans ein und zeigen auf, wie es besser gehen könnte, wenn man nur wollte? Auch die Arbeit des Volksbundes deutscher Kriegsgräberfürsorge zeigt besonders bei Umbettungen und Neuanlage von Kriegsgräberfriedhöfen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, daß ehemalige Kriegsgegner durchaus wieder miteinander reden und zusammenarbeiten können – das Motto des Volksbundes lautet: „Versöhnung über den Gräbern“. Warum mischen Sie sich nicht auch diesbezüglich in die inneren Angelegenheiten Japans ein und zeigen auf, wie es anders gehen kann, als die nichtjapanischen Soldaten der japanischen Armee ihren Angehörigen zu entreißen und sie in diesem unsäglichen Yasukuni-Schrein für eine ihnen fremde Religion zu mißbrauchen? Selbst die früher extrem nationalistisch eingestellten Vertriebenenverbände haben heutzutage in etlichen Fällen zur Zusammenarbeit zwischen ehemaligen Feinden gefunden, zum Beispiel im ehemaligen Ostpreußen. 75 Jahre nach Kriegsende ist es zwar schon spät, aber nicht zu spät, das Ruder herumzureißen und den Weg des Friedens und der Aussöhnung zu beschreiten. Dies hätte ich vor allem von einem Mitleid der Partei erwartet, die sich früher als das parlamentarisches Standbein der Friedenbewegung bezeichnet hatte – und die so viele Anträge auch in Bezirksverordnetenversammlungen eingebracht hatte, die von den damals als „etabliert“ bezeichneten Parteien mit Formulierungen abgetan worden sind, die Sie jetzt in Ihrer Pressemitteilung verwenden!

    Diese Zeilen schreibt Ihnen ein Moabiter, der seit Anfang der achtziger Jahre in der Friedensbewegung aktiv ist und sich auch z.B. im Rahmen des Gedenkortes Güterbahnhof Moabit für die Aufarbeitung deutscher Geschichte einsetzt.

    Mit freundlichen Grüßen

    Andreas Szagun

    Link zur Pressemitteilung von Bezirksbürgermeister von Dassel: https://www.berlin.de/ba-mitte/aktuelles/pressemitteilungen/2020/pressemitteilung.1001656.php

  7. 7
    Zeitungsleser says:

    Es ist noch ein Artikel in der Berliner Zeitung erschienen:
    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/tokios-arm-reicht-bis-nach-moabi-li.110818

  8. 8
    Susanne says:

    Eine überwältigende Kundgebung heute vor dem Rathaus Tiergarten (zu der Demonstration vorher, konnte ich nicht kommen), viele Redebeiträge und Musik, Unterschriftenübergabe an den Bezirksbürgermeister, auch Japaner*innen unterstützten die Friedensstatue in ihren Reden ….
    Jetzt wird erst einmal das Ergebnis der Gerichtsverhandlung abgewartet, sagte Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel.
    Unterstützung ist weiterhin gefragt, z.B. durch Beteiligung an der Mahnwache, durch Spenden, Online Mittwochsdemo: https://trostfrauen.de/online-mittwochsdemo/
    oder Unterschreiben des Offenen Briefes des Bündnisses für die Friedensstatue in Deutschland, schon fast 2.000 Unterschriften heute:
    http://trostfrauen.de/offener-brief-friedensstatue/

    Aktuelle Infos:
    https://www.facebook.com/trostfrauen
    https://twitter.com/search?q=%23friedensstatue&src=typed_query
    https://twitter.com/hashtag/Trostfrauen?src=hashtag_click
    https://twitter.com/hashtag/justiceforcomfortwomen?src=hashtag_click

  9. 9
    Jürgen says:

    Zahlreiche Menschen versammelten sich heute mittag um 12 Uhr zur Demo und Kundgebung für den Erhalt der Friedensstatue und skandierten unzählige Male „Berlin, sei mutig!“ und „Die Friedensstatue muss bleiben!“ um sich für den Erhalt der Friedensstatue, die als Mahnmal an die über 200.000 Mädchen und Frauen erinnert. Unterstützung gab es in vielen Redebeiträgen verschiedener Gruppen, darunter auch in Berlin lebende Japaner*innen, die eine fehlende Aufarbeitung der Geschichte in Japan kritisierten. Auch Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel kam zur Kundgebung, die direkt vor seinem Büro auf dem Mathilde-Jacob-Platz stattfand. Die Grüne Fraktion Mitte und der SPD Kreisverband Berlin Mitte hatten gestern den Erhalt der Friedensstatue eingefordert.
    Zum Abschluss der Kundgebung kam Stephan von Dassel zu Wort. Angesichts einer Klage des Koreaverbands gegen die Aufhebung der Klage in einem teilte er u.a. mit, dass der Koreaverband nunmehr das Mahnmal nicht bis zum 14. Oktober abbauen müsse, sondern das Bezirksamt Mitte sich während der gerichtlichen Prüfung gründlich über die Für- und Wider-Argumente überlegen werde. Zur Sprache kam ebenfalls, dass Berliner Landesregierung und Außenminsterium bei der Angelegenheit mitreden.

  10. 10
    Jürgen Schwenzel says:

    Bericht in der heutigen TAZ: https://taz.de/Umstrittenes-Mahnmal-in-Berlin-Moabit/!5717416/
    Artikel in der Berliner Zeitung zum heutigen Stand: https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/in-berlin-mitte-geht-es-auch-um-ein-stueck-meinungsfreiheit-stephan-von-dassel-trostfrauen-korea-japan-denkmalstreit-li.111130
    Pressemitteilung des Bezirksbürgermeisters anlässlich des Gerichtsverfahrens mit Wunsch eines Kompromissvorschlags zur Umgestaltung des Mahnmals: https://www.berlin.de/ba-mitte/aktuelles/pressemitteilungen/2020/pressemitteilung.1003738.php

  11. 11
    Moabiter says:

    Heißt von Dassels „Kompromiss“ jetzt das die Japanische Regierung dem Koreaverband diktieren darf, wie Kunst aussehen darf? Seit wann ist Kunst verhandelbar? Offenbar sind die Worte der Vertreterin des BBK bei der Kundgebung nicht auf geistige Verarbeitung gestoßen. Der Inhalt der Pressemitteilung ist ein erneutes Armutszeugnis des Bezirksbürgermeisters von Berlin Mitte.

  12. 12
    Andreas Szagun says:

    „Wir wünschen uns einen Kompromissvorschlag, der den Interessen des Korea-Verbands sowie den Interessen der japanischen Seite gerecht werden kann“ – dieser schon fünf Jahre alter Artikel aus dem Tagesspiegel zeigt doch in bezeichnender Weise, wem da „gerecht werden“ soll:

    https://www.tagesspiegel.de/politik/japan-neue-schulbuecher-veraergern-die-nachbarn/11608440.html

    Echte grüne Politik sähe für mich so aus, daß Herr von Dassel gegen alle äußeren Versuche zum Trotz die Friedensstatue verteidigt anstatt sie zu beseitigen wollen!

  13. 13
    Susanne says:

    Wer sich ausführlich informieren möchte und Fachliteratur auf Englisch lesen kann, dem seien 3 Bände empfohlen, die kostenlos als pdf beim de Gruyter Verlag abgerufen werden können, aus der Reihe „Genocide and Mass Violence in the Age of Extremes“:
    https://www.degruyter.com/view/serial/GMVAE-B?contents=toc-59654

    Im ersten Band ein allgemeiner Überblick über Asien von Frank Jacob, erschienen 2019, im zweiten Band geht es um die länderübergreifende Bewegung für die Opfer der Zwangsprostitution durch das japanische Militär und im dritten Band um die Erinnerungen von sog. „Trostfrauen“, beide 2020 erschienen. Danke für die Info bei twitter, Frank Jacob.

  14. 14
    Netzgucker says:

    Kommentar von Rainer Werning, Stühle des Anstoßes
    https://www.nachdenkseiten.de/?p=65771
    Kurzes Video bei rbb24 von der Demo
    https://www.rbb24.de/politik/beitrag/av12/video-berlin-streit-statue-korea-japan-zwangsprostituierte.html
    Regina Mühlhäuser und Insa Eschebach, Umkämpfte Erinnerung – stellt u.a. die Reaktionen verschiedener japanischer Regierungen dar und auch sexuelle Gewalt von Deutschen im 2. Weltkrieg mit Beispielen aus KZ-Lagerbordellen
    https://geschichtedergegenwart.ch/umkaempfte-erinnerung-die-trostfrauen-statue-in-berlin-und-der-umgang-mit-sexueller-kriegsgewalt/

    … und ein älterer Beitrag der Deutschen Welle
    https://www.dw.com/de/die-h%C3%B6lle-einer-koreanischen-trostfrau/a-17059431

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