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Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule im Krisenmodus

Moabit während Corona – wie geht das für eine Schule?

19GK, Theodor-Heuss Kollegium, 01.08.2019, Fotograf Michael Weinreich

Das Interview findet als Telefonat mit Annedore Dierker statt, die gerade in ihrem Wohnzimmer in Kleinmachnow sitzt. Die Leiterin der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule (THG) wechselt sich aktuell tageweise mit ihrem Schulleitungsteam ab. Eine Leitungsperson ist immer vor Ort in der Schule in der Quitzowstraße bzw. am Standort der Grundstufe in der Siemensstraße, die anderen arbeiten daheim. Seit 17. März 2020 ist die Schule offiziell geschlossen, seitdem sind die fast 1.000 Kinder und Jugendlichen zu Hause. Weil Annedore Dierker wie alle anderen Berliner Schulleitungen erst vier Tage zuvor davon erfuhr und blitzschnell handeln musste, ist seitdem echtes Krisenmanagement gefragt. Nur ein Beispiel: zur Erreichbarkeit während der Zwangspause mussten die E-Mail-Adressen aller Schüler eingesammelt werden, was in der Oberstufe kein Problem darstellte, doch in den Jahrgangsstufen 7 bis 10 nicht ganz einfach war. Zwei informatikaffine Lehrer richteten einen eigenen Lernraum für die THG analog zu der Lernplattform der Berliner Schulen LERNRAUM BERLIN ein. Dieses Portal ist ein Angebot der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie im eEducation Berlin Masterplan für alle öffentlichen Schulen im Land Berlin. Dort und bei dem THG-eigenem Lernraum – lernraum.thgberlin.de – können die Lehrkräfte Unterrichtsmaterialien hochladen und sie zielgenau zusammen mit konkreten Aufgaben an ihre Klassen senden. Auch die Grundstufenkinder wurden von ihren Lehrern mit viel Materialien versorgt, denn: „Von wegen Corona-Ferien! Es handelt sich um unterrichtsfreie Zeit“, stellt Direktorin Dierker klar. 

Prüfungen

Durch die Corona-Pandemie wurden für die Berliner Schulen alle Prüfungen für die Zeit vor den Osterferien abgesagt. Sie werden auf einen späteren Termin verschoben. Das betrifft alle Prüfungen in der Jahrgangsstufe 10 im Rahmen der Präsentationsprüfung und die Überprüfung der Sprechfähigkeit der ersten Fremdsprache und sowie alle Abiturprüfungen (erstes bis viertes Prüfungsfach sowie Prüfungen zur 5. Prüfungskomponente). Vergangene Woche gab es noch Präsentationsprüfungen in der THG: Rund 100 Zehntklässler präsentierten im Rahmen der MSA -Prüfungen in Einzel- bzw. Gruppenprüfungen ihre Ergebnisse zu selbstgewählten Fragestellungen. Die 60 Abiturienten konnten ihre 20-minütigen Präsentationen mit anschließendem 10-minütigen Prüfungsgespräch im Rahmen der 5. Prüfungskomponente durchführen. Bei allen Prüfungen wurde auf die Abstandsregel von 1,50 m akribisch geachtet und auch die Prüfungskommission bestehend aus drei Lehrkräften wirkte sehr langgezogen. Die Prüfungsergebnisse fielen ganz normal aus, also so wie in den vorherigen Jahrgängen: „Von super beeindruckend bis überraschend verwunderlich war alles dabei“, berichtet Annedore Dierker.

Notversorgung bei der Kinderbetreuung

Die Notversorgung von Kindern, deren Eltern in systemrelevanten Berufen, wie z.B. bei der Polizei und im Gesundheitswesen, arbeiten, wurde bislang nur von sehr wenigen in Anspruch genommen. Das erklärt sich Schuldirektorin Dierker u.a. durch den hohen Anteil von Kindern und Jugendlichen in der THG, die aus Familien stammen, die von staatlichen Transferleistungen leben. Nur wenige der berufstätigen Eltern arbeiten in systemrelvanten Berufen. Die Notversorgung könnte sich nun durch den neuen Senatsbeschluss ändern, wodurch es, anders als zu Beginn, für die Inanspruchnahme der Notbetreuung in der Schule nun ausreicht, dass nur ein Elternteil in einem systemrelevanten Beruf arbeitet.

Den Tag zuhause gut strukturieren 

Besorgt sieht Annedore Dierker, dass unklar ist, wie lange die Kinder und Jugendlichen nicht in die Schule kommen können, sondern zuhause sein werden. Viele der Familien in Moabit leben mit zahlreichen Personen auf engem Raum zusammen. Das stellt alle vor große Herausforderungen, wenn sehr aktive Kinder, die sonst zwischen 8 und 16 Uhr betreut werden, sich nun tagelang mit Eltern und Geschwistern „auf der Pelle hocken“. Häusliche Gewalt könnte im schlimmsten Fall zu einem Thema werden, befürchtet die Pädagogin.

Was dagegen hilft? Dem Tag eine Struktur zu geben, empfiehlt sie. „Das fängt schon beim Frühstück an und geht bis hin dazu, einen Wochenplan aufzustellen und Lernzeiten mit Spiel- und Freizeitzeiten abzuwechseln. Unsere Kolleginnen und Kollegen bleiben in Kontakt mit unseren Schülerinnen und Schülern, u.a. über Mails, Telefonate, Unterrichtsstunden im Videoformat und Videochats.“ Außerdem stehen Schulsozialarbeiterinnen vom SOS-Kinderdorf e.V. für Anliegen der Schüler und Eltern zur Verfügung. „Wir werden diese Krise meistern“, ist sich die Direktorin sicher.

Digitale Angebote stellen auch eine große Unterstützung dar: Als Kooperationspartner der Schule legte der Basketballverein ALBA BERLIN eine digitale Sportstunde auf. Während hunderttausende Schul- und Kindergartenkinder den ganzen Tag daheim verbringen, verspricht ihnen das neue Online-Programm „ALBAs tägliche Sportstunde“ Bewegung, Spaß und Bildung in dem für alle ungewohnten Alltag. Jeden Tag gibt es in der 45-minütigen digitalen Schulstunde Sport, Fitness und Wissenswertes für alle – zum Ansehen und Mitmachen in den eigenen vier Wänden. Von Montag bis Freitag sendet ALBA auf seinem Youtube-Kanal ein Sport-Programm für Kinder und Jugendliche im Kindergarten– (9 Uhr), Grundschul– (10 Uhr) und Oberschul-Alter (11 Uhr). Hier geht’s zur Sportstunde.

Die Erklärvideos auf der Lernplattform Sofatutor können alle Schülerinnen und Schüler der THG kostenlos 30 Tage lang testen.

Und auch das Fernsehen übernimmt wieder ganz andere Funktionen: Die Sender der ARD zeigen während der Schulschließungen verstärkt Bildungsfernsehen.

Weitere Hinweise: 

Lehrer Schmidt drehte Erklärvideos in den Fächern Mathematik, Physik

Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung: Täglich (wochtentags von 11-11.45 Uhr) wird auf der Homepage und auch auf YouTube (wochtentags ab 12 Uhr) eine Politikstunde im Umfang von 45 min angeboten.

Lernplattform segu (selbstgesteuert-entwickelnder Geschichtsunterricht) hat Wochenpläne für das Lernen zuhause frei zugänglich und in unterschiedlichen Dateiformaten erstellt. Es sind ausgewählte Themenblöcke für die Klassenstufen 5-10 vorhanden. Es kann auch am Smartphone von den Lernenden als Wiederholung/Übung bearbeitet werden.

Aktuelles von der THG immer auf http://thgberlin.de – besonders zu Unterstützungsangeboten.

Text: Gerald Backhaus, Fotos 2 und 3 (von oben): THS, alle anderen Fotos: © Gerald Backhaus

Zuerst erschienen auf der Webseite des Quartiersmanagements Moabit-Ost

Ein Kommentar auf "Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule im Krisenmodus"

  1. 1
    Susanne Johannsen says:

    Als Mutter eines Kindes in der Grundstufe kann ich die positive Sicht nicht teilen – Unserer Lehrerin war lange nicht erreichbar, erst nach Wochen und viel Druck bekommen wir als Eltern mal eine Mailadresse, an die wir uns wenden können. Die in die Jahre gekommenen Lehrkräfte hadern mit den modernen Kommunikationswegen, nutzen ihre Zeit zuhause aber auch nicht, um sich forzubilden (denn auch die Lehrkräfte haben ja keine Ferien, sondern sitzen bei vollen Bezügen im Homeoffice). Es macht wahrscheinlich Sinn, den Kindern die Lernmaterialien auf Papier zu stellen, weil da keines der Kinder abgehängt wird, das zuhause keinen Computer hat. Aber mehr telefonischer Kontakt oder Videochats wären für viele Kinder und Familien wichtig gewesen und da Smartphones in allen Familien vorhanden sind, wäre das auch machbar gewesen. Was mich wirklich enttäuscht ist die mangelnde Fantasie und Flexibilität mancher Lehrkräft.

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