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Quartier statt Mall

Auf der großen Brache Turm- / Stromstraße sollen Geschäfte, Büros, Praxen und 120 Woh­­nungen entstehen.

Eine der prominentesten und mit über 35 Jahren wohl auch ältesten Moabiter Brachen liegt direkt gegenüber dem neuen Schultheiß-Quartier. Anwohnern ist die Ecke Turm-/ Strom­straße sehr vertraut, vor allem das kleine, zwei­geschos­sige Wohnhaus von 1866, ein einzeln stehendes Baudenkmal. Zum vertrauten Bild gehörte immer auch das Tra­di­tions­geschäft »Blumen Hetzer« direkt an der Kreuzungsecke, mit einem kleinen Verkaufs­hütt­chen und üppigen Auslagen mit Pflanzen und Kräutern aller Art. Das Geschäft konnte vor einiger Zeit feste Ladenräume gleich nebenan in der Turmstraße beziehen.

Denn auf der Ecke und entlang der Stromstraße soll ein Großprojekt realisiert werden, das – neben dem umgebauten Hertie-Kaufhaus und dem Schultheiß-Quartier – das gesamte Areal komplettieren wird. Geplant ist ein neues Quartier mit Geschäften, Arztpraxen und Büros sowie Woh­nungen, der unmittelbar an das Ex-Hertie anschließt. Eigentümer des Grundstücks (zu dem auch das Hertie-Gebäude gehört) ist seit längerem das Ingolstädter Familien­unter­nehmen von Leopold Stiefel, der einst den Elektronik-Riesen Media Markt mitgründete und nun als »Immobilien Family Office« DIGIVEST und MCBauinvest (GmbH) bundesweit im Bau und der Verwaltung von Immobilien aktiv ist. Das Unter­nehmen steht dafür, so Ralf Schmitt, Geschäfts­führer des Family Office, Projekte nicht nur zu entwickeln, sondern auch im Bestand des Unter­nehmens zu halten, statt sie anschließend gewinn­bring­end weiter­zu­ver­kaufen. Das erfordere lang­fristiges Denken und auch die energetische Zukunfts­fähigkeit der Projekte.

Um der Anwohnerschaft frühzeitig das Moabiter Vorhaben vorzustellen, hatte das Unternehmen Anfang August zu einer öffentlichen Info-Veranstaltung mit Vertretern des Investors und des Bezirksamts sowie des Stuttgarter Architekturbüros Steimle eingeladen, dessen Siegerentwurf bei einem Wettbewerbsverfahren nun realisiert werden soll. Vorgesehen ist eine siebengeschossige Blockrandschließung in Traufhöhe entlang der Stromstraße: mit Geschäften und Läden in den unteren beiden Geschossen, darüber sollen in weiteren zwei Geschossen Büros und Arztpraxen Platz finden und in den oberen drei Geschossen Wohnen. Eine Tiefgarage findet im Untergeschoss Platz, die Einfahrt und auch der Lieferverkehr sollen von der oberen Stromstraße aus erfolgen.

Visualisierung Teil des Abschnitts an der Stromstraße mit dem eingebetteten Baudenkmal Stromstraße 62,
(c) Steimle Architekten

An der Kreuzung markiert eine prägnante Eckbebauung mit insgesamt neun Geschossen (knapp 32 Meter Höhe) die exponierte Lage. Der zweigeschossige Altbau in der Stromstraße wird denkmalgerecht saniert und soll als Solitär zu neuer Geltung kommen.

Visualisierung Turmstraße Ecke Stromstraße, (c) Steimle Architekten

Schmitt betont, dass das Projekt keine weitere Shopping Mall oder ein Center ist. Vielmehr entspricht es – wie schon das Ex-Hertie – der Mischstruktur einer klassischen Einkaufs­straße. Dazu gehören auch der Erhalt der Bürgersteige und eine kleine Platz­situation an der Spitze. Außerdem soll es Durchgänge von der Strom- zur Wilhelms­havener Straße geben.

Visualisierung von oben, (c) Steimle Architekten

Insgesamt sind ca. 5.600 qm Brutto­geschoss­fläche (BGF) für den Einzelhandel und weitere ca. 2.300 qm für Büros vorgesehen. Den größten Anteil nimmt jedoch mit ca. 12.000 qm BGF die Wohn­nutzung ein: ca. 120 Wohn­ungen sind geplant, die sich vor allem im geschützten und von Straßen­lärm abge­schirm­ten Innen­­bereich befinden. In einer kamm­artigen Struktur sind fünf- und sechs­­ge­schos­­sige, abge­treppte Bauten vor­ge­sehen, die alle nach Westen bzw. Süden orientiert sind.

Wie viele der Wohnungen preisgebunden sein werden, wird noch verhandelt. Wäh­rend der Investor den frei­wil­ligen Anteil eher bei bis zu 20 % sieht (auf­grund des Sanie­rungs­gebiets greift das Berliner Modell der koope­rativen Bau­land­­ent­­wick­lung nicht, so dass für den Investor keine Pflicht besteht, förderfähige Wohnungen zu bauen). Dagegen möchte der Bezirk gern die 30 %-Marke ansteuern. Nach den Vorstellungen des Investors könnte der Bau im Frühjahr 2021 beginnen und bis Herbst 2023 abgeschlossen sein. Der Aufstellungsbeschluss für einen vorhaben­bezogenen Bebauungs­plan wurde bereits gefasst. Die üblichen Beteiligungs­runden (BVV-Ausschüsse, Träger öffentlicher Belange etc.), wozu auch eine intensive Bürgerbeteiligung gehört, erfolgen während der Planerstellung.

Das Publikum nahm die Infor­ma­tio­nen und vor­ge­stell­ten Pläne durch­aus wohl­wollend und zustim­mend auf – das ist schon bemerkens­wert in Moabit, wo man gerade größere Bau­pro­jekte sehr kritisch unter die Lupe nimmt. Es gab einige Nach­fragen und Anregungen – unter anderem eine Bitte, die sich an die Archi­tekten richtete: Man möge doch möglichst jene Schieß­scharten­fenster vermeiden, mit denen Berlin ohnehin schon viel zu oft geschlagen sei. Ein Wunsch, der wohl vielen aus dem Herzen sprach.

Gastautorin: Ulrike Steglich, zuerst veröffentlicht in der »Ecke Turmstraße« (Nr. 4 /2019).

Ein Kommentar auf "Quartier statt Mall"

  1. 1
    H. E. says:

    Einzelhandelsflächen – ob groß oder klein – hat Moabit schon jetzt viel zu viel. Wozu also zweigeschossige Ladenflächen und so viele?
    Büros hat ganz Berlin zu viel. In der Europacity entstehen weitere tausende Büroarbeitsplätze und alle zusammen provozieren weiteren Zuzug nach Berlin und vergrößern damit die Wohnungsnot. Wozu also hier so viele Büroflächen?
    Dagegen sollen nur lächerliche 120 und offenbar ziemlich große Wohnungen entstehen und davon insgesamt vielleicht nur 20 % Sozialwohnungen. Und das, obwohl extremer Wohnungsmangel herrscht und über 50 % der Berliner Haushalte wegen ihres geringen Einkommens ein Anrecht auf einen Wohnberechtigungsschein haben.

    Besser wär eine gesunde Berliner Mischung:
    Im EG an der Strasse Einzelhandel (aber kein großflächiger wie z. B. Aldi, Lidl und Co) und Gastronomie,
    im 1. OG Büros, Praxen und evt. teilweise Wohnungen,
    darüber nur noch Wohnungen und davon 50 % Sozialer Wohnungsbau (wie z. B. in Wien selbstverständlich).
    Aber offenbar braucht die Berliner Politik erst noch ein paar desaströse Wahlergebnisse.

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