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Wohin mit der Trauer?

Auf den Friedhof. Auf den Platz, der sich den einen so beklemmend vor ihrem inneren Auge ausmalt in tiefem Herbstgrau und Erdfarben, zwischen den bedeckten Gräbern dieses anhaltende Schweigen, die ungewohnte Ruhe. Die anderen suchen gerade sie, hier, fern der Hektik, finden auf den Friedhöfen ein Wohlgefallen an deren Schönheit und den so persönlichen Spuren der Geschichte, erleben Unvergesslichkeit, spüren Hoffnung, lindern inmitten des ganzen Gedenkens auch ihre Trauer, ihren Gram.

„Gegen die Schmerzen der Seele gibt es nur zwei Heilmittel: Hoffnung und Geduld.“ Pythagoras (Philosoph)

Auf Friedhöfen sind sich Leben und Tod, Vergangenheit und Zukunft ganz nah. Auch auf St. Johannis I im Herzen von Moabit. Eine beschauliche Oase gelegen im Mittagsschatten des Kirchturms, genau an der Grenze zwischen Alt- und Neu-Moabit. Die Kirche ist mit den Jahren durch Ausbauten nach Norden gewachsen, der Zugang zum Friedhof deshalb nicht mehr zentral, sondern zwischen dem alten Küsterhaus und der östlichen Mauer zum Kriegsgräberfriedhof gelegen. Nicht jeder kennt diesen Platz, aber viele lieben ihn und manch einer würde hier gerne eines Tages – ganz mittenmang – seine letzte Ruhe finden. In guter Nachbarschaft zum Moabiter Grundbesitzer Christian Friedrich Gericke (gest. 1840) und dem ersten Gutsbesitzer der Region Georg Christian Beussel (gest. 1864), zu Heimatforscher Wilhelm Oehlert (gest. 1930), Porzellan- und Eisenbahnbedarfsfabrikanten, zu Pfarrern, Gemeindeschwestern, Kirchdienern und Organisten.

1839 wurde das Gelände laut Kabinettsorder vom Kleinen Tiergarten abgetrennt und der Kirchengemeinde St. Johannis mit ihrer 1835 fertig gestellten Kirche zur Planung eines Friedhofs zur Verfügung gestellt. Übertragen wurde die Landschaftsgestaltung dem bekannten königlich-preußischen General-Gartendirektor Peter Joseph Lenné, der seinerzeit für viele Parkanlagen verantwortlich zeichnete. Lenné konzipierte den Friedhof nicht als finsteren Ort der Traurigkeit, sondern – aus dem romantischen Lebensgefühl dieser Zeit heraus – als heiteren Ruhegarten für die Dahingeschiedenen. Das strahlt er auch heute noch aus: idyllisch, ein bisschen verwunschen, alte Grabmäler, grüne Rasenflächen, aber gar nicht so leer und verlassen, wie manch einer glaubt, der sich hier als Entdecker eines regionalen Geheimtipps wähnt.

„Nur wenige Menschen sind wirklich lebendig und die, die es sind, sterben nie. Es zählt nicht, dass sie nicht mehr da sind. Niemand, den man wirklich liebt, ist jemals tot.“Ernest Hemingway (Schriftsteller)

Anfang der 1880er Jahre forderte der Polizeipräsident aus hygienischen Gründen die Einstellung des Friedhofsbetriebs. Fortan sollte von Moabit aus im Wedding an der Seestraße und am Nordufer bestattet werden. Die damalige St. Johannisgemeinde wehrte sich bis 1904 gegen die Schließung, dann entschied der Gemeindekirchenrat, den für die Gemeinde zu klein gewordenen Friedhof doch für allgemeine Beerdigungen zu sperren. Bestattet werden sollten hier nur noch Angehörige der Familien, die Erbbegräbnisse besaßen, sowie Personen, die sich um das kirchliche Gemeindeleben verdient gemacht hatten. Diese Regelung besteht so noch heute, auch wenn sie aus humanitären Gründen Ausnahmen zulässt. Jede Bestattung auf St. Johannis I bedarf der Zustimmung des Gemeindekirchenrats. Viele Grabstätten sind schon reserviert für Personen, die dieses wünschen und als Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde Tiergarten, mindestens drei Jahre haupt- oder ehrenamtlich für sie gewirkt haben: eine Geste der Dankbarkeit der Gemeinde für die Zeit, die die Ehrenamtlichen ihr schenkten.

Der gesellschaftliche Trend geht aber andere Wege: anonyme Bestattungen auf Urnenfeldern, Seebestattungen, Friedwälder, auch Körperspenden an die Wissenschaft. Immer mehr Verfügungen sehen vor, dass im Falle des eintretenden Todes auf eine Grabbeisetzung auf dem Friedhof verzichtet werden soll. Sie wollen keinen Stein mit ihrem Namen, keinen traditionellen Ort der Erinnerung und der Trauer für die Hinterbliebenen. Sie wollen keine Umstände machen, die Angehörigen entlasten, die Grabpflege einsparen. Einige Friedhöfe, auch im Wedding, spüren diese Veränderung bereits: sie leeren sich nach Auslaufen der Liegezeiten, werden umgewidmet zu Parks oder auch Bauland. Entscheidungen, an denen aber weniger die Kirchengemeinden beteiligt sind als der zuständige Friedhofsverband.

„Niemand kennt den Tod, und niemand weiß, ob er für den Menschen nicht das allergrößte Glück ist.“Sokrates (Philosoph)

Gerade, wenn die Tage kürzer und die Dunkelheit länger wird, verstärkt sich für viele Hinterbliebene das Gefühl der Einsamkeit, verlassen zu sein ohne die Verstorbenen an ihrer Seite. Die religiösen Gemeinschaften bieten Beistand, Seelsorge und Trauerbegleitung. Sie haben Erfahrung im Umgang mit dem Sterben, feste Rituale und der Glaube gibt ihnen Halt. Gebete und Gespräche unter vier Augen oder in Trauergruppen gehören zu den Angeboten, um unter fachkundiger Anleitung den individuellen Trauerweg zu finden und zu beschreiten. Professionelle Hilfe heraus aus der empfundenen Einsamkeit und der realen Isolation gibt es in den meisten Bezirken auch außerhalb der religiös fundierten Hilfsangebote. In Trauercafés und zu Trauerteestunden treffen sich offene und geschlossene Gruppen von Hinterbliebenen. Hilfe aus der Krise durch angeleitete Gespräche, durch gemeinsame Unternehmungen, durch Kochen oder anderes kreatives Schaffen. Zunehmend definieren sie sich auch nach genauen Zielgruppen, denn gleichartige Verlusterfahrungen schaffen eine belastbare Form der Gemeinschaft, des Verstehens und Verstandenwerdens.

„Trauer ist Widerstand gegen das Verschwinden.“ Hermann Cohen (Philosoph)

Trauer ist nicht rational fassbar, genau wie Liebe. Sie lässt sich nicht abstellen und braucht Zeit. Trauer und Liebe sind ein Paar. Die Liebe besteht fort, auch wenn das Leben verloren ging. Ein Abschied, die einen glauben auf Zeit, die anderen meinen zu wissen: für immer. Trauer ist wie ein Abschied für immer – nur schlimmer. Bieten diese Gruppen genug Raum für Trauer? Bedarf es keines Platzes mehr im öffentlichen Raum, zu dem man geht, wie zu dem Verstorbenen, an dem ein Grabmal, ein Stückchen bepflanztes Land ganz personifizierter Stellvertreter und Zeugnis tiefer Verbundenheit, Zeichen des Erinnerns und Niemals-Vergessens ist? Eine ganz persönliche Entscheidung!

Die Mobilität der Gesellschaft, die zur Verfügung stehenden Mittel, vielleicht auch der weitgehend tabuisierte Umgang mit Trauer und Tod mag das Verstreuen der Asche in alle Winde oder das Vergraben an Baumwurzeln bedingen. Vielleicht sind die erhaltenen schmuckvollen Erbbegräbnisse wohlhabender Familien auf den alten Friedhöfen auch ein Zurschaustellen von finanziellen Möglichkeiten, das heute verpönt ist. Wenn Trauer aber laut Hermann Cohen Widerstand gegen das Verschwinden ist, dann sind Friedhöfe Widerstandsorte gegen das Vergessen und damit den Tod. Auch St. Johannis I. Und die vielen anderen Friedhöfe, so lange dort noch bestattet und erinnert wird. In Herbstgrau oder Hellblau. Im Frühling wie im Winter. Auf Friedhöfen kann man die Zeit festhalten. Für einen Moment, um innezuhalten, sich zu besinnen und nicht zuletzt, um zu trauern.

Text und Fotos: Martina Knoll

Zuerst erschienen in der Zeitung für Moabit-Ost, moabit°21,  Ausgabe 10, Herbst 2019.

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