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Vernissage "for the birds" – Alain Jenzer

13.07.2018 18:00 Uhr

Kurt – Kurt, Kunst und Kontext im Stadtlabor Berlin-Moabit präsentiert in der Ausstellungsreihe Kunst-Gast-Arbeiter

Alain Jenzer – for the birds

Bild: © Alain Jenzer, 2018

Die Sphäre des Häus­li­chen, mit allen darin statt­fin­den­den Arbei­ten und sozialen Pro­zes­sen, gesell­schaft­lichen Zuschrei­bungen und Bewer­tungen sind Inspi­ration und thema­tischer Aus­gangs­punkt der aktu­ellen Aus­einander­setzung von Alain Jenzer. Abhängigkeit, Gleich­gewicht und Fragilität sind nebst Fragen zu Geschlech­ter­bildern einige der Themen­kreise, die sich in dieser Sphäre auf­tun und die Alain Jenzer mit den Mit­teln der Kunst befragt und unter­sucht. Von Instal­lationen mit Matra­tzen, Blumen­kisten oder Staub­sauger zu Per­for­man­ces und Aktio­nen mit Geschirr, Ess­waren und Tex­tilien (Strick­waren, Lein­tücher) tauchen in Alain Jenzer’s Werken der vergangenen zehn Jahre häufig typische Gegenstände aus der Sphäre des Häuslichen auf.

Und dann ist da nicht zuletzt der Begriff des Absurden, der nicht nur für seine aktuellen Arbeiten von zentraler Bedeutung ist, sondern auch für zahlreiche ältere Arbeiten, die im existenziellen Themenkreis Tod, Trauer und Erinnerungskultur angesiedelt waren. Der Titel seiner kürzlich im Basler Kunstraum FAQ realisierten Ausstellung – „Making friends with Sisyphos“ – und die dort entwickelte ortspezifische Raumzeichnung aus blauer Wäscheleine ist denn auch als Verweis auf Alain Jenzer’s Beschäftigung mit den tatsächlichen oder vermeintlichen Absurditäten zu lesen, die gerade in der Sphäre des Häuslichen gehäuft auftreten. Albert Camus folgend, versucht er sich Sisyphos als glückliches Wesen vorzustellen und untersucht das Potenzial des Absurden; bis hin zu seiner Aufhebung durch die Übersteigerung oder Re-Kontextualisierung entsprechender Handlungen. Das Moment der Repetition, die Endlosschlaufe, wie sie auch in der Basler Raumzeichnung zu sehen war, ist dafür ein wesentliches kompositorisches Element, ebenso wie der zweckfremde Einsatz des verwendeten Materials.

Bei Kurt-Kurt setzt Alain Jenzer seine Untersuchung alltäglicher Absurditäten fort, die in der häuslichen Sphäre auftreten. Dabei interessiert er sich insbesondere für das Verhältnis zwischen dem Privaten und der Gesellschaft, in die es eingebettet ist. Seine Interventionen beschränken sich denn auch nicht auf den intimen Rahmen des Ausstellungsraumes: Mit subtilen Interventionen und temporären Installationen greift er in den Stadtraum ein und übersetzt diese wiederum in den Ausstellungsraum.

Eröffnung: Freitag, 13. Juli 2018 um 18:00 Uhr
Ausstellung: 14. – 28. Juli 2018, Fr – Sa 16 – 19 Uhr
Kurt-Kurt, Lübecker Str. 13, 10559 Berlin


Zur Ausstellungsreihe Kunst-Gast-Arbeiter

Das Gesamtprojekt Kunst-Gast-Arbeiter erkundet den Einfluss und die Wirkung, die Migration als persönliches aber auch kollektives und moabitspezifisches Phänomen auf die zeitgenössische Kunst hat oder haben kann.

Exakt 50 Jahre nachdem zwischen Deutschland und der Türkei ein „Gastarbeiterabkommen“ getroffen wurde, greifen wir dieses Thema aus künstlerischer Sicht auf und erweitern damit die Auseinandersetzung und Gesprächsgrundlagen, die 2010 bei dem sehr erfolgreichen Projekt „Journeys with no Return“ schon geschaffen wurden und zur Zeit aktueller denn je sind.

König Friedrich Wilhelm I hat auf der Insel Moabit französische Hugenotten, die wegen ihres Glaubens aus ihrem Land fliehen mussten, als Gastarbeiter angesiedelt und ihnen einen Handel angeboten: Land und Besitz gegen Urbarmachung Moabits und Kultivierung mit Maulbeerbäumen. Es stellt sich also nicht erst heute die Frage, wie man sich zwischen Turmstraße und Spree bzw. Westhafen niederlässt, sich einrichtet, sich ein Zuhause schafft und sich im besten Falle verwurzelt.

Der Künstler als Gastarbeiter ist ein bekanntes Phänomen. Seit Goethe sich sozusagen als erster künstlerischer Arbeitsmigrant auf seine Italienreise begeben hat und es heute Stipendien in Moskau, New York, Tokyo, Istanbul und weltweit die Artist-in-Residence Programme gibt, schlüpft der Künstler immer wieder in die Rolle des Gastarbeiters. In medienübergreifenden Konzepten und interdisziplinären Projekten erforschen Künstler als temporäre Gastarbeiter Schnittstellen zwischen künstlerischer, soziologischer und anthropologischer Arbeit und hinterfragen die Beziehungen zwischen Gast und Gastgeber, Künstler und Publikum, Suchendem und Gesuchtem.

Kurt-Kurt entleiht der deutschen Geschichte der letzten 50 Jahre den Begriff des Gastarbeiters und definiert ihn als positives Phänomen. Zunächst verstehen wir den bei uns arbeitenden Künstler tatsächlich als willkommenen Gast, der Neues und Ungewohntes mit sich bringt. Auch Harald Szeemanns Agentur für Geistige Gastarbeit, deren geistiger Raum beliebig expandieren konnte und die sich immer wieder neu verortete und in unterschiedlichste Lebens- und Denk-Bereiche vordrang, ist für uns ein wichtiger Bezug und Inspiration.

Der sichtbare Prozess und die Zusammenarbeit, der Austausch mit den ansässigen Menschen sind ein zentraler Aspekt der Projekte im Kurt-Kurt und werden von den Künstlern als arbeitende Gäste angeboten, genutzt und in künstlerische Statements transformiert. Die Künstler leben und arbeiten für eine Weile in den Kurt-Kurt Räumen und machen ihren Arbeitsprozess öffentlich. Hierbei geht es weniger um endgültige Ergebnisse und deren Präsentation als vielmehr um Arbeitsstrategien, um allmähliche Formfindungen und um tatsächliches und tatmächtiges Arbeiten.

Kontakt:
Kurt-Kurt
Kunst und Kontext im Stadtlabor Berlin-Moabit
Ein Projekt von Simone Zaugg und Pfelder im Geburtshaus von Kurt Tucholsky
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