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Topio e.V. – Digitale Selbstbestimmung in der Arminiusmarkthalle

Beim Besuch in der Arminiusmarkthalle fällt im Mittelgang ein neuer bunter Marktstand ins Auge. An der Wand steht Topio – public space for privacy. Der Stand wirkt wie eine Mischung aus Handyladen und Kunstprojekt.
Auf Nachfragen bei den BetreiberInnen erfahren wir, dass der Trägerverein Topio e.V. kostenfreie Beratung und Informationen zum Thema digitaler Selbstbestimmung anbietet. Ziel der Initiative ist es, mehr Bewusstsein für die Möglichkeiten eines verantwortungsvollen Umgangs mit digitalen Geräten und Anwendungen zu schaffen. Topio bietet konkrete Hilfe beim Umstieg auf trackingfreie Open-Source Anwendungen, wie z. B. ein datenschutzfreundliches Smartphone Betriebssystem.

Die Initiative wurde gegründet aus zunehmender Sorge über die voranschreitende digitale Transformation. Das Smartphone wird für viele Menschen immer stärker zum universellen Alltagsbegleiter. Zwar gibt es für viele Bedürfnisse Millionen von Apps, jedoch nur zwei marktbeherrschende Smartphone-Betriebssysteme mit ihren eigenen App-Stores und ein marktbeherrschendes Soziales Netzwerk. Mit Marktanteilen zwischen 60 und 90 % bestimmen vor allem Facebook & Google den Zugang und die Verteilung von Informationen in unserer Welt. Ihr Geschäftsmodell: messen, berechnen und steuern. Ihr Ziel ist es, durch das Sammeln von personenbezogenen Daten immer stärker eine zentrale Schnittstelle in unser aller Leben einzunehmen und womöglich ihre AnwenderInnen daran zu hindern, ihre Plattformen zu verlassen.

So warnte Amnesty International 2019 in einer Untersuchung davor, wie die Geschäftsmodelle von Google und Facebook ein Angriff auf das Recht auf Privatsphäre, der Meinungs- und Redefreiheit bis hin zur Gedankenfreiheit und dem Recht auf Gleichberechtigung sind (*1). Auch die aktuellen Enthüllungen der „Facebook Papers“ von Frances Haugen belegen (*2) , wie wenig die großen Tech-Anbieter sich für die gesellschaftlichen Auswirkungen ihrer Angebote interessieren. Die meisten Vorgänge auf ihren Servern bleiben für Wissenschaft, Journalismus und Politik im Dunklen, die gesellschaftlichen Auswirkungen erahnen wir erst nach und nach.

“Zurzeit wirkt es so, als sei eine digitale Teilhabe nur möglich, wenn wir uns bei einem der wenigen Tech-Riesen den Nutzungsvereinbarungen unterwerfen,
ansonsten verlieren wir den Zugriff auf die Geräte, Daten, auf das ganze digitale Leben“, sagt Michael Wirths, einer der Gründer und Vorsitzender von Topio e.V. „Bei Topio sensibilisieren wir für die Problematik der Machtkonzentration weniger Tech-Konzerne, wollen aber gerade auch die Vielzahl von bestehenden alternativen Lösungen in den Vordergrund stellen und konkrete Unterstützung beim Umstieg auf freie Anwendungen und Plattformen bieten. Vielerorts gibt es Vodafon, O2 und Telekom-Läden, aber nicht ein einziges Geschäft, in dem ich ganz konkret eine existierende Alternative wie ein trackingfreies Smartphone oder einen Laptop mit einem vorinstallierten freien Betriebssystem in die Hand nehmen kann. Dies wollen wir mit Topio verändern.“

So ist es aktuell möglich, Smartphones zu verwenden, die nicht ständig unsere sensiblen persönlichen Daten an Google oder Apple senden. Anbieter wie www.esolutions.shop oder www.iode.tech bieten mit Einstiegsmodellen bis zu Oberklassen eine breite Auswahl an aktuellen Geräten. Sie sind mit Privatsphäre respektierenden Betriebssystemen ausgestattet, die uns eine viel weitreichendere Selbstbestimmung ermöglichen. Da die Systeme auf Android basieren, lassen sich die Geräte einfach und ohne Umlernen verwenden. Viele der angebotenen Smartphones gibt es auch ressourcenschonend als gebrauchte refurbished-Modelle mit Gewährleistung. Genauso gibt es freie App-Stores wie F-droid (www.f-droid.org), die sich auf jedem Android Smartphone installieren lassen. Hier gibt es über 3000 Open-Source Apps, die frei von Werbung und Tracking sind. Auch im Bereich der Sozialen Medien gibt es Alternativen, wie z. B. Mastodon: Eine föderal und unkommerziell strukturierte Plattform, auf der sich nach und nach z. B. die Landesregierung Baden-Württemberg, mit bawü.social, Museen, Universitäten und Städte wie Freiburg im Breisgau, Accounts einrichten.

„Aber es ist noch ein langer Weg“, so Michael Wirths. „Es fehlt noch an Bewusstsein, insbesondere, wenn große Institutionen und Städtische Verwaltungen wie Berlin, den Weg von Facebook schnell auf Instagram finden und die Tagesschau ihre Inhalte seit 2019 auch für TikTok produziert, aber 2021 der öffentliche Rundfunk, als einer der größten Medienproduzenten der Welt, noch immer keine eigene freie Social-Media Instanz betreibt. Jeder Werbecent, Inhalt und Klick, den die großen Institutionen mit öffentlichen Geldern in die Gesellschaft zersetzenden Plattformen pumpen, zementiert weiter einen Weg in eine geschlossene und intransparente digitale Zukunft.
Bei Topio glauben wir aber daran, dass der digitale Raum mehr sein kann als ein privatisierter, kommerzialisierter Überwachungsapparat. Wir möchten Mut machen, den digitalen Wandel mit offener Software als Gemeingut zu gestalten“.

Die Initiatoren des Pop-Up Marktstands in der Arminiusmarkthalle freuen sich über Besuch und laden ein, den „goldenen Käfig“ der Überwachungsgiganten zu verlassen.

Öffnungszeiten und weitere Informationen gibt es auf der Webseite der Initiative www.topio.info oder direkt vor Ort.

Öffnungszeiten: montags 11-14 Uhr, freitags 17-20 Uhr, im Dezember nur montags (aber besser vorher auf der Webseite nachsehen).

(*1)  https://www.amnesty.at/media/6430/amnesty-surveillance-giants_bericht-november-2019.pdf
(*2)  https://netzpolitik.org/2021/facebook-leaks-whistleblowerin-erhebt-schwere-vorwuerfe-gegen-facebook/

Ein Kommentar auf "Topio e.V. – Digitale Selbstbestimmung in der Arminiusmarkthalle"

  1. 1
    K. S. says:

    Tolles Projekt!

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