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Der arme Poet von Moabit – eine blöde Tragöde nach Spitzweg

Der arme Poet – und wie‘s heute so geht

Der arme Poet von Moabit, Graffiti Seydlitzstraße,
Foto: Ralf G. Landmesser

Gleich unterm Himmel Moabits
wohnt schon lange Dichter Schmitz
lebt dort – ein wirklich armer Hund –
buchstäblich von der Hand in‘n Mund.

Ist das Haus auch alt und schrundig
findet Schmitz es doch ganz pfundig
denn Charakter hat der Kasten
und er haut froh in die Tasten.

Bis ein Miethai kommt geschwommen
dessen Seele ist verkommen.
Hat nur Profit in seinem Hirne
und Haifischzähne in der Birne.

Über Schmitz‘ bescheid‘nem Heime
der noch sinnt auf gute Reime
sieht Hainrich Rauh gleich Dollars blitzen
die für ihn quell‘n aus allen Ritzen.

Schon sieht statt Speicher er ne Villa
Terrasse, Aufzug, drin Chinchilla.
Der Hai kennt alle Tricks und Tücken
und lässt gleich seine Kerls anrücken.

Das Dachgeschoss schnell abgerissen
drunt‘ unserm Dichter gehts beschissen:
Dreck und Lärm verhinderns Dichten
als droben sich die Mauern lichten.

Nahrung deucht nun gut dem Manne
er haut ein Ei sich in die Pfanne.
Doch da bröckelt auf den Dotter
Deckenkalk und andrer Schotter.

Schon ergießt sich erster Regen
dorthin wo just Schmitz gelegen:
hin auf sein lyrisch Lotterbette
wo er doch lieber Musen hätte …

Bald tropft es an ner and‘ren Stelle
gleich neben seinem Bettgestelle
wo nun der Manuskripte Haufen
schnöd anfängt elend zu ersaufen …

Es verläuft des Herzbluts Tinte
geistig greift der Schmitz zur Flinte
während er die Dichtung rettet
und schon heimlich mit sich wettet

wo wohl das „Dach“ als nächstes leckt
ganz sicher ist das so bezweckt:
schnell rausgeekelt soll er werden
das ist der Dinge Lauf auf Erden.

Derweil tropft es schon anderswo –
auf seine Bücher und im Klo.
Von Schmitzens Decke fällt der Putz
auf alles legt sich Staub und Schmutz.

Erbost ruft Schmitz die Polizei!
Die Feuerwehr ist auch dabei.
Es ist der Freitag, spät am Tage –
sie sehen keine Rechtsgrundlage.

Die „Freund‘ und Helfer“ gehn dahin
kein Helfen kommt in ihren Sinn.
Der Schmitz heult auf, ringt seine Hände:
Wann hat der Wahnsinn wohl ein Ende?

Als schon erneut es sich ergießt
das Wasser aus dem Leuchter schießt.
Es flammt kurz auf, dann ist es duster
im Dunkeln hört man Schmitzens Huster.

Schmitz, der tastet nach der Kerze
weint laut auf in seinem Schmerze
doch nach einigem Gefummel
leuchtet ihm der Kerzenstummel.

Vorsintflutlich flackerts Lichte
schluchzend sucht er die Gedichte
will zu seinem Schreibtisch gehen
sieht den PC im Wasser stehen …

Um ihn wird es Nacht und nächter
sein Schlaf jedoch wird immer schlechter
denn schon ab Sieben wird gebaut
Schlaf und Nerv wird ihm geklaut.

Hainrich Rauh lacht leise lüstern
bläht erwartungsvoll die Nüstern
denn das Bauen wird sich lohnen
das wirft ihm wieder ab Millionen.

… … … Ja sicher ist er für Kultur
an Schmitz denkt er nicht mal die Spur.
Er sponsort die Events, die teuern
damit spart er noch satte Steuern.

Schmitz sitzt derweil beim Kerzenlichte
mit leckem Dach und schreibt Gedichte
unter ’nem Sonnenschirm mit Plane
und hadert mit der Welten Wahne.

Leise wächst um ihn der Schimmel
weit entfernt vom Dichterhimmel
Der Schimmel wird kein Flügelross
Es riecht wie Keller, nicht nach Schloss.

Es liegt der Wahnsinn nah beim Wohnen.
Niemand wird den Dichter schonen.
Kein Pegasus wird ihn erretten
ihn bringen zu geweihten Stätten.

Das Kapital geht über Leichen –
arme Dichter müssen weichen.

Leo von Seelöffel, Sept./Okt. 2021

Etwaige Ähnlichkeiten mit Personen und Ereignissen sind weder beabsichtigt,
noch entsprechen sie den Tatsachen, sind aber keineswegs rein zufällig.

https://moabitonline.de/33103

6 Kommentare auf "Der arme Poet von Moabit – eine blöde Tragöde nach Spitzweg"

  1. 1
    K. S. says:

    Die Welt bräuchte wirklich neues Verständnis (und neue Gesetze) für Grund und Boden, es darf IMHO nicht sein, dass jemand (nur) deswegen reich und einflussreich ist, weil sein Urururururahne mal (kostenlos) ein Fleckchen Land als Privateigentum deklarierte.

  2. 2
    H. E. says:

    Nicht „die Welt“ braucht ein neues Verständnis sondern die Politik. Und wenn es die Politik nicht begreift, müssen es ihr die Bürger beibringen, dieses insbesondere der CDU und der FDP.
    Auch deswegen ist die „Deutsche Wohnen enteignen“ – Kampagne richtig und gut, da sie die Politik schön unter Druck setzt, übrigens auch Frau Giffey (SPD), die es offenbar noch nicht begriffen hatte und – ich fass es heute noch nicht – ausgerechnet in Berlin mit der FDP koalieren wollte.
    Eine Aufgabe hätte ich für Frau Giffey als Regierende Bürgermeisterin:
    Sie sollte dafür sorgen, dass der Berliner Mietspiegel endlich insofern ergänzt wird, als Verstöße der Vermieter geahndet werden können mit saftigen Bußgeldern oder sogar mit Haftstrafen und dass von eigens dafür eingerichteten Ämtern Verstößen überhaupt nachgegangen werden muss, auch wenn diese nicht vom betroffenen Mieter selbst sondern von anderen gemeldet werden. Extrem viele Mieter kennen sich in der Materie und ihren Rechten nicht aus und bräuchten daher die Hilfe von Ämtern – und viele haben auch Angst, weil die amtliche Unterstützung fehlt.

    https://www.tagesspiegel.de/politik/menschen-brauchen-bezahlbaren-wohnraum-jeder-vierte-mieterhaushalt-ist-armutsgefaehrdet/27753662.html

  3. 3
    Ralf G. Landmesser says:

    Momentan drängt sich mir eher der Eindruck auf, dass Mieter*innen in gewissen Situationen ÜBERHAUPT KEINE RECHTE haben.
    Ein scharfes Strafrecht gegen dreiste Vermieter*innen und in Allmachtsgefühen schwelgende Investor*innen wäre mehr als überfällig. In dieser Stadt leiden zehntausende, wenn nicht gar hunderttausende Mieter*innen nicht nur unter „Gentrifizierung“ sondern unter VERTREIBUNG aus ihren angestammten Lebensräumen und damit auch aus ihren sozialen Beziehungen.

  4. 4
    Ralf G. Landmesser says:

    Fliessendes Wasser in der Wohnung ist eine schöne Einrichtung. Nur nicht, wenn es aus der Zimmerdecke kommt:
    am Donnerstag, den 4. November 2021 hatte ich den inzwischen 3. Regenwassereinbruch in mein Arbeitszimmer, und zwar heftig. Das war die 18. Stelle in unserer Wohnung. Auf bei der Nachbarin lief es eimerweise in die Küche.

    Obwohl der Bauleiter Witt informiert und vor Ort war, verschwand er nach Einbruch der Dunkelheit mit seinen Leuten vom „Dach“ ohne mir irgendwie zu helfen und war nicht mehr erreichbar, während bei mir seit etwa 13 Uhr das Wasser, eine dreckige, schäumende braune Brühe, in mein Arbeitszimmer eindrang und bis in die Morgenstunden weiter lief – teils wie aus dem Wasserhahn. Irgendwann war natürlich die Decke so nass, dass Tapeten mit einem Schwall Wasser herunterfielen und ein Teil der Decke mitkam. Mein Schreibtisch, die Möbel, Akten, Archiv, Dokumente und die Technik wurden schwer in Mitleidenschaft gezogen – den Schaden kann ich noch nicht beziffen. Hätte ich nicht in aller Hektik etliche Sachen und Bücher in andere Teile der Wohnung gerettet, wäre noch mehr verdorben. Das Chaos ist unbeschreiblich und der immaterielle Schaden unschätzbar. Das Zimmer stinkt wie Hund im Regen. Nach 13 Stunden Wasserauffangen fiel ich schließlich um halbsechs Uhr morgens auf meine Matraze. Niemand von der Hausverwaltung liess sich blicken. Erst gestern, Montag, wurde angeboten, dass mit der Bauaufsicht auch eine Dame von der Verwaltung mitkam. Darauf verzichtete ich dankend.

  5. 5
    H. E. says:

    Nicht nachvollziehen kann ich, dass der Hauseigentümer sein eigenes Eigentum derart beschädigen lässt, indem er Wasser in und durch die Holzbalkendecken laufen läßt. Das ist so ziemlich das dümmste, was man bei einem Berliner Altbau machen kann. Wenn man nicht sorgfältig mit einem oder mehreren Gebläsen über mehrere Wochen lang trocknet, ist unweigerlich Schwamm die Folge. Und wenn der erst einmal vorhanden ist, muss man den gesamten Fußboden und den Inhalt der Decke demontieren und jeden einzelnen Holz-Deckenbalken behandeln und teilweise sogar verstärken. Ein unglaublicher Aufwand, der richtig kostet. Und wenn man nichts macht, muss man irgendwann die gesamte Decke inklusive Deckenbalken erneuern.

    Hoffentlich bist du Mitglied im „Berliner Mieterverein“ und kannst dessen kostenlose juristische Hilfe bei der Mietminderung, der Klage auf Schadensersatz und beim dann folgenden Prozess in Anspruch nehmen. Leider muss man ja zivilisiert gegen solche Hauseigentümer vorgehen, obwohl sie selbst oft genau das Gegenteil davon sind. Früher hätte man sie geteert und gefedert und aus der Stadt gejagt.

  6. 6
    Ralf G. Landmesser says:

    Gefeert und getedert müsste in dieser Stadt so Manche*r hierhin und dorthin gejagt werden. Aber Du hast Recht: ein derartiges Maß an Inkompetenz und hingepfuschter Bauerei wie hier sieht man selten. Dabei wird krampfhaft versucht, an dem einzusparen, was da später überteuert als Eigentumswohnung verkauft werden soll – auf unserem Rücken versteht sich. Und es wäre doch die Profitmarge mehr als ausreichend, umsichtig, solide und wertig zu bauen – mit möglichster Schonung der Mieter*innen. Wir Mieter*innen sind aber der in Kauf zu nehmende „Kollateralschaden“, mit dem nützlichen Nebeneffekt, so gleich möglichst aus der Wohnung gemobt zu werden und anderen potentiellen Opfern in den anderen Hausflügeln zu zeigen, was ihnen blühen könnte, wenn die Reihe an ihnen ist..
    Die dummen Bau- und Verwaltungsfehler mit nicht sofort trockengelegten Decken (ich habe sofort Trockner und professionelle Schimmelbeseitigung gefordert – geschehen ist NICHTS – nicht einmal eine professionelle Schadensaufnahme gab es), könnten tatsächlich zu dem von Dir beschriebenen Szenario führen. Damit würde dann dem schicken Neubau oben partiell der Fußboden fehlen und uns ein paar Decken.

    Schadenersatz nach einem Prozess (ich habe eine Rechtsschutzversicherung und einen guten RA) ist nur ein läppisch dünnes Trostpflaster, das zudem mit riesiger Verzögerung die realen und immateriellen Schäden nicht ersetzen kann. Auch unsere Zeit und die gesundheitlichen Belastungen kann uns niemand zurückgeben. Im Gegenteil: die Beseitigung der Schäden stiftet noch zusätzliches Chaos und Stress. Das Erleiden der letzten drei Monate müsste eigentlich mit einem satten Schmerzensgeld gesühnt werden – das ist aber in unserer fabelhaften Rechtsordnung nicht vorgesehen.

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