So können Sie mitmachen!

Selbsthilfe in der Gruppe – in Moabit und ganz Berlin

Interview zur Selbsthilfe-, Kontakt- und Beratungsstelle (SHK Mitte) mit Angelika Vahnenbruck und Birgit Sowade

Treffen sich vier Leute mit Selbstmordabsichten zufällig auf einem Hochhausdach. Statt zu springen, beschließen sie gemeinsam, diesen Impuls zurückzustellen und zusammen ihr Leben in den Griff zu bekommen. So geschehen in Nick Hornbys verfilmten Roman „A Long Way Down“. Eine sehr ungewöhnliche Gründung einer Selbsthilfegruppe. Selbsthilfe bedeutet, in bestimmten Lebenssituationen nicht mit der Hilfe von Fachleuten, sondern zusammen mit ähnlich Betroffenen aus eigenen Kräften die Dinge zu verändern. So dramatisch wie in dem Buch und der Verfilmung entstehen die Gruppen in der Selbsthilfe-, Kontakt- und Beratungsstelle (SHK Mitte) in der Perleberger Straße Ecke Lübecker Straße natürlich nicht. Das Gebäude kennen die meisten aus der Nachbarschaft, weil es durch seine orangefarbene Fassade ins Auge sticht.

Jemand mit dem Wunsch, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, wendet sich in der Regel zuerst an Angelika Vahnenbruck und Birgit Sowade. Die beiden Diplom-Sozialpädagoginnen führen dann ein Beratungsgespräch. Sie verfügen über Zusatzqualifikationen als Supervisorin, Coach und Gestaltpädagogin und verkörpern die SHK Mitte. Den Namenszusatz Mitte trägt die Einrichtung, weil jeder Berliner Bezirk eine eigene SHK hat. „Damit ist Berlin sehr gut versorgt, wenn man bedenkt, dass Großstädte wie Köln und Dresden nur eine einzige SHK haben,“ erklärt Birgit Sowade, die jeden Tag aus Potsdam zur Arbeit kommt. Der Arbeitsweg von Angelika Vahnenbruck ist mit 13 Kilometern etwas kürzer. Wenn es die Witterung erlaubt, nimmt sie oft das Fahrrad für den Weg nach Moabit. Seit über 20 Jahren arbeiten die beiden zusammen im Team, Angelika Vahnenbruck ist seit 1994 für die SHK tätig, Birgit Sowade seit 1999. Man kann die zwei gut gelaunten Frauen auch als Geburtshelferinnen und Ratgeberinnen der Selbsthilfegruppen bezeichnen.

Bis zu 51 Gruppen pro Woche
„Normalerweise sieht es hier anders aus,“ erklärt Angelika Vahnenbruck die coronabedingt sehr spartanisch anmutenden Gruppenräume, die auch an einem kalten Wintertag durch die großen Fensterscheiben sehr hell wirken. In den fünf Zimmern, in denen sich vor März 2020 bis zu 51 Selbsthilfegruppen pro Woche trafen, kommen aktuell gerade einmal sechs Gruppen zusammen. Einige treffen sich auch online am Computer-Bildschirm. „Hier stehen sonst Tische und viel mehr Stühle, dort eine Couch, Sessel und Matratzen,“ erzählt StadtRand-Geschäftsführerin Vahnenbruck. Die StadtRand gemeinnützige Gesellschaft für integrierende soziale Arbeit mbH, kurz StadtRand gGmbH, existiert seit 1995 als Verbund von Einrichtungen und Organisationen der freien Wohlfahrtshilfe. Ihre Schwerpunkte liegen im Bereich der Suchthilfe und der psychiatrischen Versorgung.  Die SHK Mitte ist etwas älter. Sie wurde bereits 1990 in der Wilsnacker Straße gegenüber des heutigen QM-Büros gegründet und 1995 vom Träger StadtRand übernommen. 2001 konnte die SHK in die helleren und größeren Räumlichkeiten in der Perleberger Straße 44 umziehen. Sie verfügt hier über die gesamte Erdgeschossfläche von rund 200 Quadratmetern. Die Architektin des Gebäudes konnte die Wünsche der SHK bei der Entwurfsgestaltung damals mit berücksichtigen, so dass sich neben den fünf Gruppenräumen, einem Büro und einem Beratungsraum auch das Begegnungscafé für die Nachbarschaft (LouLou) befindet.

Vor allem psychosoziale Themen wie Depressionen und Sozialphobien
Selbsthilfegruppen arbeiten in der Regel ohne professionelle Anleitung. Da zu ihrem Wesen gehört, dass sich Menschen treffen, um sich gegenseitig zu unterstützen, liegt es in der Natur der Sache, dass Angelika Vahnenbruck und Birgit Sowade als Begleiterinnen und Unterstützerinnen im Hintergrund wirken. Sie bieten neben den Räumlichkeiten den inhaltlichen und organisatorischen Rahmen: „Wir informieren, beraten und sind dafür da, dass die Gruppen gut laufen können,“ bringt es Birgit Sowade auf den Punkt. In Eigenregie, was ganz wichtig ist. Nur in Ausnahmefällen, z. B. wenn sie bei einer Konfliktlösung innerhalb einer Selbsthilfegruppe helfen sollen, nehmen die beiden mal an einer Gruppensitzung teil.

Die Bereiche, zu denen es Selbsthilfegruppen gibt, sind vielfältig. Sie reichen von sozialen Themen über den Umgang mit chronischen Krankheiten wie Rheuma oder Diabetes und Suchtgruppen wie die Anonymen Alkoholiker bis hin zu psychosozialen Themen wie Depressionen und Sozialphobien. Zwei Typen von Selbsthilfegruppen kann man unterscheiden. Neben der üblichen Austauschgruppen mit maximal 10 Personen, bei denen es immer eine Ansprechperson gibt und jeder seine Redezeit bekommt, treffen sich in der SHK auch zahlreiche anonyme Gruppen. In einer solchen Selbsthilfegruppe, von den Expertinnen auch Monolog-Gruppe genannt, können alle, die mögen, etwas vortragen. Es gibt allerdings keinen direkten Austausch untereinander. Der Vorteil dieser anonymen Gruppen ist, dass man ohne Voranmeldung und auch in einer anderen Stadt einfach teilnehmen kann. Birgit Sowade und Angelika Vahnenbruck besprechen mit den zahlreichen Menschen, die sich auf der Suche nach einer Selbsthilfegruppe an sie wenden, zunächst, was für die jeweilige Person am besten geeignet ist. Eine große Zahl von Gruppen beschäftigt sich mit Depressionen und sozialen Ängsten. Das hat in den letzten Jahren zugenommen, so die Sozialpädagoginnen. Es liegt vermutlich auch daran, weil diese Themen immer mehr ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gerückt sind, vermuten sie.

Von „Junger Depression“ und „Türkischer Diabetes“
Vor Jahren hatte die Selbsthilfe ein nicht zu unterschätzendes Imageproblem. „Jüngere Leute fühlten sich einfach nicht wohl in Gruppen mit lauter über 50-jährigen und kamen nicht wieder,“ erinnert sich Birgit Sowade. Sie waren auf der Suche nach Gleichaltrigen in ähnlichen Lebensphasen und Lebensumständen. Als 2010 ein junger Mann eine altersbegrenzte Gruppe für Menschen bis 35 Jahre ins Leben rief, war die sofort voll besetzt. Seit dieser Zeit trifft sich jede Woche die „Junge Depressionsgruppe“. Junge Selbsthilfe wurde 2012 sogar zu einem eigenen Projekt, das Schule machte und bundesweit Nachahmer fand. „Das ist von Moabit ausgegangen“, freut sich Birgit Sowade. „Dass wir hier wirklich etwas bewegen können“, zählt zur Motivation für sie und ihre Kollegin.

„Mehr als ein Stuhlkreis“ – die Selbsthilfe kam in den letzten 10 Jahren los von ihrem angestaubten Image, inzwischen gibt es neben der „Jungen Depression“ auch Krebs-, Rheuma- und Diabetes-Gruppen und andere für Unter-35-jährige. Zudem ist der Kulturaspekt wichtig. „Eine türkische Diabetes ist eben anders als eine deutsche oder syrische Diabetes.“ Gerade in Gruppen von Menschen mit Migrationshintergrund sind oftmals sprachliche Übersetzungsleistungen gefragt, damit die Betroffenen verstehen, wie sie mit der Krankheit gut umgehen können. Erfolgsmeldungen erreichen Angelika Vahnenbruck und Birgit Sowade immer wieder: „Es gab mal eine Depressionsgruppe, die sich auflöste, weil sie sich alle gut entwickelt hatten und andere Wege gehen konnten.“ Oder die Sozialphobie-Gruppe, „aus der es manche ein paar Jahre später in Arbeitsstellen schafften, die vorher für sie undenkbar gewesen waren.“ Im Vordergrund einer jeden Selbsthilfegruppe steht der Austausch mit Gleichgesinnten, „etwas, was auch ein guter Freundeskreis oft nicht bieten kann.“

Selbsthilfe für „Absolute Beginner“ und Messies
In Berlin kommt zudem das große und engmaschige Netzwerk zum Tragen. Sucht beispielsweise eine Frau eine Selbsthilfegruppe zum Thema Brustkrebs und die existiert nicht in Mitte, können die SHK-Mitarbeiterinnen sie mit Hilfe der Datenbank www.sekis-berlin.de zu einer geeigneten Gruppe in Charlottenburg vermitteln. Selbsthilfegruppen bieten Gemeinsamkeit, Perspektiven und mehr Selbstvertrauen, betont Angelika Vahnenbruck. Man wird dort ohne viele Erklärungen verstanden. So wie z.B. bei der Gruppe „Absolute Beginner“, in der sich Menschen treffen, die – obwohl sie schon lange alt genug dafür sind – noch keine Beziehungserfahrung haben. Ein Thema, das auch sehr stark nachgefragt wird, sowohl von Betroffenen als auch von deren Angehörigen, ist die Messie-Problematik. Der Begriff kommt vom englischen Wort „mess“, was soviel wie Chaos und Durcheinander bedeutet. Messies sammeln zwanghaft viele Gegenstände in ihrer Wohnung und sind unfähig, Ordnung zu halten und sich von etwas zu trennen. Weitere Informationen dazu, u.a. auch zu Aufräumhilfen, gibt es auf: http://messiehelfer.de

Neue junge und gemischte Gruppen und mehr Platz bitte!
Finanziert wird die SHK vor allem durch die Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales und die Krankenkassen sowie durch die Beiträge der Selbsthilfegruppenmitglieder. Für die Zukunft wünscht sich Birgit Sowade – neben dem Normalbetrieb nach Corona mit Vor-Ort-Treffen der zahlreichen Gruppen – noch mehr jüngere und gemischtere Gruppen und auch noch mehr Gründungen von neuen Selbsthilfegruppen, „weil das so gute Instrumente sind, selbst Wege und Lösungen in der eigenen Problematik zu finden.“ Angelika Vahnenbruck als Geschäftsführerin hat natürlich auch die Finanzen im Blick und vor welche Herausforderungen sie dieses Thema stellt. Nur für maximal zwei Jahre steht die Finanzierung immer, und nicht ausgegebenes Geld kann nicht mit ins Folgejahr übernommen werden. Eine räumliche Vergrößerung, also mehr Platz und mehr Gruppenräume, das fände sie toll. „Auch wenn es utopisch anmutet, ist ein gemeinsames Haus für die SHK und die nahe gelegene Kontaktstelle PflegeEngagement Mitte ein großer Wunsch von mir.“ Selbsthilfe, Ehrenamt und Nachbarschaftsinitiativen im Umfeld von häuslicher Pflege stehen in deren Fokus, es geht in der Kontaktstelle PflegeEngagement Mitte um eine verbesserte Lebensqualität von Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen.
Moabit als Standort für die SHK finden sowohl Angelika Vahnenbruck als auch Birgit Sowade perfekt. Der Stadtteil sei lebendig und voller positiver kreativer Energien. Sie mögen die Mischung aus Altersklassen und verschiedenen Herkunftsländern und „den vielen Leuten, die bereit sind, einmal etwas Neues auszuprobieren.“
 
Weitere Details und Kontakt zur SHK:
Selbsthilfe- Kontakt- und Beratungsstelle Mitte, Perleberger Straße 44, 10559 Berlin, Telefon 030 – 3 94 63 64, E-Mail: kontakt@stadtrand-berlin.de, www.stadtrand-berlin.de  
Öffnungszeiten (in der Regel): Mo bis Mi  9 – 18 Uhr, Do 9 – 18 Uhr, Fr  9 – 15 Uhr
Derzeit digital, per Mail, Chat und Telefon erreichbar: Mo/Di 10 – 14 Uhr, Do 15 – 18 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung

Text: Gerald Backhaus, Fotos: Gerald Backhaus und StadtRand

Zuerst erschienen auf der Webseite des Quartiersmanagements Moabit-Ost (mit mehr Fotos)

Schreibe einen Kommentar

Beachte bitte die Netiquette!