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Handgewebt aus Moabit

Hanna Perla lebt seit 2009 im Stephankiez und hat sich 2017 als Handweberin selbstständig gemacht. Mit ihren Produkten war sie berlinweit auf Märkten unterwegs, regelmäßig auf dem Gütermarkt im Zentrum für Kunst und Urbanistik ZK/U – jedenfalls bis zur Schließung für den Umbau.
WELANA ist ein soziales Unternehmen, das Handgewebtes aus Äthiopien über das Internet vermarktet. Bis zum Verkauf liegen die Schals, Decken und Tücher in der Moabiter Wohnung einer der beiden Gründerinnen.

Zweimal hat sich Hanna Perla am Ortstermin, dem Kunstfestival in Moabit, beteiligt. 2018 hat sie zum Thema „hoch hinaus“ die beiden Wandläufer „Gestapelte Gesellschaft“ und „Assoziation“ in der Technik des Stab-Doppelgewebes gewebt und vor Ort gezeigt, wie das geht. Die Besucher*innen konnten die Reihenfolge der Farben beim Weben in ihrer Arbeit „Frühlingswiese“ bestimmen. 2020 hat sie Interessierte in ihre Wohnung eingeladen, die gleichzeitig als Webatelier dient.

Weben gelernt hat Hanna Perla bei den Frauen aus ihrem früheren Heimatort Castasegna in der Schweiz. Ihre Spezialität ist das Stab-Doppelgewebe, eine alte, komplizierte und zeitaufwändige Webtechnik, bei der verschieden farbige Kettfäden eingezogen werden. Mit einem Stab werden die Muster aufgelesen, dann webt man zuerst in der vorderen Schicht, danach in der hinteren.

Historisch hat man Textilfunde aus Peru (ca. 3.000 v. Chr.), aus Indien und dem frühen Persien, von wo sich die Technik des Stab-Doppelwebens dann ca. im 16. Jahrhundert nach Skandinavien und Russland ausgebreitet hat. Dort hat man vor allem schwere Wollstoffe gewebt, die lange haltbar sein sollten: Brautdecken, Pferdedecken. In Skandinavien hingegen wurden es Wandbehänge mit politischem oder religiösem Inhalt in feineren Materialien.
2013 hat Hanna Perla bei Danuta Radulska in Polen diese Technik (pol.: tkanina dwuosnowowa) gelernt. Sie wurde 2019 vom polnischen Kulturminister für Ihr Schaffen geehrt. Auch hat das Museum für moderne Kunst in Warschau es geschafft, die traditionelle Technik mit Ausstellungen und Wettbewerben mit neuen abstrakten Themen (z.B. Chopin) zu fördern und zu erhalten.

Auch die Bauhausfrauen haben diese Technik angewandt – das Archiv von Dessau ist voll davon. Die Weberei war im Bauhaus eine der produktivsten Werkstätten und hat die anderen über Jahre finanziert.

Im Herbst 2019 nun ist Hanna Perla von den Betreiberinnen des S-Cafés Friedenau, Petra Wald und Petra Wache, eingeladen worden, während der Schließung bis März 2021 dort vor Ort zu weben. Man kann ihr durch das Schaufenster beim Weben zuschauen – im Januar regelmäßig donnerstags und freitags von 13 – 16 Uhr. (eventuell ändern die Zeiten für Februar und März). „Das ist eine neue Herausforderung, wenn einem die Leute auf die Finger schauen können. Beim Weben geht ja auch immer mal was schief. Jetzt gerade habe ich 480 Kettfäden aufgezogen – manchmal kommen mir die wie ein Sack voller Flöhe vor – jeder hat seinen eigenen Willen und reagiert auf meine Stimmungen.“ Der Webstuhl stammt ursprünglich aus Friedenau. Sie hat ihn von einer befreundeten Weberin geerbt. Mit Inge Ridder hat sie lange gemeinsam auf deren Dachboden voller Webstühle in Friedenau gearbeitet.
Darüber ist auch die Verbindung mit dem Café zustande gekommen: der Sohn der Weberin betreibt die Kaffeerösterei Ridder, die das Café beliefert. Aufgrund der Corona-Schließungen kam das Projekt für kreative Zwischennutzung zustande.

Hanna Perlas aktuelles Projekt ist das Handtuch „Bergell/Bregaglia“. Die Farben sind inspiriert von Landschaftselementen und Pflanzen dieses Tals, ihrer früheren Heimat. Sie webt es in der gängigen Technik mit nur einer Kette. Die Kettfäden geben die Farben der Feuerlilie, der Esskastanien und deren vanillefarbenen Blüten wieder. Man kann dann beim Weben zugucken, wie das Wasser der Maira dazukommt, der vom Wasser hellgewaschene Granit, Wiesen und Wälder, dann wieder Granit mit einem Hauch Schnee – und einem wunderbar blauen Himmel.
In der Technik Stab-Doppelweben webt sie demnächst eine Interpretation eines Bildes des auch in Berlin lebenden Malers Sam Grigorian.

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Auch die Schals, Tücher und Decken, die WELANA aus Äthiopien importiert, sind handgewebt in traditioneller Technik aus lokal produzierter Baumwolle und Seide.

In Äthiopien gibt es eine jahrhundertelange Tradition der Herstellung von Baumwolltüchern in ganz verschiedenen Stärken. Sowohl Frauen als auch Männer tragen die großen Tücher, ähnlich wie eine Toga geschlungen zu den verschiedensten Gelegenheiten. Es gibt sehr dünne weiße Tücher, Netela genannt, für die stundenlangen orthodoxchristlichen Gottesdienste. Die weißen Tücher sind oft mit farbigen traditionellen Ornamenten an den Rändern geschmückt. Sie dienen ebenso zum Schutz vor der sengenden Sonne, wie auch in mehreren Schichten zum Schutz vor Wind und Kälte. Diese dickeren traditionellen Baumwolltücher heißen Gabi.

Zwei Berliner Freundinnen, Welella Negussie und Anna Papadopoulos, haben 2015 ihr soziales Unternehmen Welana gegründet. Welellas Eltern kommen aus Äthiopien, sie selbst ist im Virchow Krankenhaus geboren und im Wedding zur Schule gegangen. Die beiden kennen sich schon seit der 5. Klasse. Ihr Studium führte sie in verschiedene Länder: Niederlande, Dänemark, England. Seit einigen Jahren leben sie wieder in Berlin.

Welella ging nach ihrem Studium nach Äthiopien und arbeitete dort 2 ½ Jahre für die UN. Als Anna sie besuchte, wurde die Idee geboren ein soziales Unternehmen zu gründen, um mit Hilfe von fairen Handelsbeziehungen lokale Gemeinschaften zu unterstützen nachhaltige Einkommensmöglichkeiten zu etablieren. Sie hatten verschiedene Ideen. Zunächst brachten die beiden Freundinnen handgewebte Tücher mit und verkauften sie auf dem Flohmarkt im Mauerpark. Das positive Feedback ermutigte sie.

In Äthiopien haben sie sich auf die Suche gemacht und schließlich zwei Webereien gefunden, mit denen sie heute als Partner fest zusammenarbeiten: Sabahar und Maraki, beide aus der Hauptstadt Addis Abeba. Schaut Euch die beiden kurzen Filme auf der WELANA Webseite an, die die Arbeit in den Webereien zeigen.

Die Schals, Handtücher und Decken sind nicht mehr in traditionellen Mustern gewebt sondern in modernem Design, das aber noch mit äthiopischen Farben arbeitet oder ähnlicher Formensprache. Die Firma WELANA ist der Idee von „slow fashion“ verpflichtet: Textilien aus Naturmaterialen von guter Qualität, die ein Leben lang halten, Mode, die zeitlos schön ist. Der Nachhaltigkeit verpflichtet bieten sie sogar die Möglichkeit der Rücksendung an für nicht mehr gebrauchte Textilien, damit sie wiederverwendet werden können.

Fotos von Hanna Perla: Susanne Torka,
Fotos von Welana: Aris Papadopoulos

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