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Ausstellung „Jüdische Ärzte und Apother in Tiergarten“

Im Oktober war der Schaukasten vor dem Rathaus Tiergarten mit Fotos und Texten zu jüdischen Ärzten und Ärztinnen sowie Apothekern dekoriert. Das Lesen der umfangreichen Texte strapazierte die Geduld vieler interessierter Passanten. Deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass die erweiterte Ausstellung heute um 18:30 Uhr im Meerbaumhaus eröffnet und dort vom 6. November 2019 bis zum 16. Januar 2020 zu sehen sein wird. Öffnungszeiten sind: Mo – Do 10 – 13 Uhr, Do 17 – 19 Uhr und nach Vereinbarung.

Das aktuelle Projekt von Gleis 69 e.V. wird von der Landeszentrale für politische Bildung gefördert. Eine große Vielfalt an Informationen und Fotos wurde zusammengetragen. Hier dokumentieren wir die Einleitung:

Gab es eine Jüdische Medizin in Tiergarten ?

Wer dieser Frage nachgeht, stößt für die Zeit zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtergreifung Hitlers auf bemerkenswerte Persönlichkeiten und Institutionen. Von ihnen soll diese Ausstellung berichten.
An erster Stelle steht das Städtische Krankenhaus Moabit, dessen Innere und Chirurgische Abteilung 1920 zu Universitätskliniken erhoben wurden, in Berlin ein Einzelfall. In diesem Krankenhaus arbeiteten zu siebzig Prozent jüdische Ärzte und Ärztinnen. Sieben der neun Abteilungen standen unter Leitung jüdischer Ärzte. Hier wurden Medizin auf hohem Niveau in einem Arbeiterbezirk erbracht, neue chirurgische Operationsverfahren entwickelt und in der Inneren Medizin und der Neurologie psychosomatische Therapieansätze eingeführt.
Georg Klemperer und Moritz Borchardt wurden als Spezialisten an W.I.Lenins Krankenbett gerufen. Gleichzeitig fühlten sich diese Ärzte der Tiergartener Bevölkerung verpflichtet. Deshalb bauten sie zum Teil in Personalunion mit dem neuen Gesundheitsamt im Bezirk vorsorgende und nachsorgende Gesundheitsangebote auf. So konnten Schwangere in der Schwangerschaftsfürsorge betreut und in der Geburtshilflichen Abteilung entbunden werden und, wenn nötig, dann in der Säuglingsfürsorge weitere Hilfe erhalten. Ähnlich verhielt es sich bei den suchtkranken Patienten oder herzkranken Kindern. Damit war hier schon früh eine Verbindung von präventiver und kurativer Medizin geschaffen. Ein Ziel, dass in unserem heutigen Gesundheitssystem so noch immer nicht erreicht ist.

Ebenso versorgten niedergelassene Ärzte und Apotheker die Bevölkerung. Zu dieser Gruppe gehörten in Tiergarten über siebzig jüdische Ärzte und Ärztinnen. Viele behandelten in ihrer Praxis als Fürsorgeärzte auch unversicherte Patienten und andere Hilfsbedürftige. Daneben war ein erheblicher Teil von ihnen berufspolitisch, kommunal-politisch und auch als Reichstagsabgeordnete aktiv.
Daneben beteiligten sich in Tiergarten 17 Apotheken, die von jüdischen Apothekerinnen und Apothekern geführt wurden, an der medizinischen Versorgung des Bezirks. Stellvertretend seien hier Ernst Isidor Levy von der Diana-Apotheke und Alfred Rosenthal von der Wissmanns Apotheke genannt

Aus Tiergarten kam aber auch ein besonderer Impuls durch Magnus Hirschfeld. Er gründete 1919 aus eigenen Mitteln das erste Institut für Sexualwissenschaft und wandte sich damit gegen die Diskriminierung von Homosexuellen.
Am Hansaplatz gründete Friedrich Lewy ein Institut für Neurologie und entwickelte mit der “Klinik am Hansaplatz” Pläne einer gemeinsamen neurologischen und neurochirurgischen Klinik. Nach seiner Emigration wurden diese Pläne 1934 in Gestalt der ersten Neurochirurgischen Universitätsklinik an diesem Ort verwirklicht – gegen den entschiedenen Widerstand von Ferdinand Sauerbruch, Gustav von Bergmann und Karl Bonhoeffer.
In Alt-Moabit wuchs schließlich auch Ernst Boris Chain auf und ging im Luisengymnasium zur Schule. Nach seinem Studium forschte er an der Charité zu physiologischen Fragestellungen. 1933 nach Großbritannien emigriert erhielt er 1945 zusammen mit Alexander Fleming und Howard Walter Florey den Nobelpreis für die Entdeckung und therapeutische Anwendbarkeit des Penicillins.

Alle genannten Ärzte und Apotheker waren jüdischer Abstammung. Die wenigsten verstanden sich aber als jüdische Ärzte und Apotheker, da sie sich weitgehend in der deutschen Gesellschaft assimiliert fühlten. Die von ihnen vertretene Medizin war keine spezifisch jüdische sondern eine auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft.
Das Attribut “jüdisch” ist erst mit der Zunahme des Antisemitismus in den zwanziger Jahren und dann nachher “amtlich” im Dritten Reich von entscheidender Relevanz gewesen. Im NS-Staat war dieses Attribut die Begründung für zunehmende Rechtlosigkeit, Vertreibung und Ermordung.

Um abschließend die oben gestellte Frage zu beantworten:
Ja, es gab in Tiergarten eine durch jüdische Ärzte und Apotheker in vielfältiger Weise geprägte Medizin. Sie fand im Dritten Reich abrupt ihr Ende, und ihre Ergebnisse sind teilweise bis heute nicht wieder erreicht.“

Es folgt eine Zeittafel, ein ausführliches Kapital zur Geschichte jüdischer Ärzte und Apotheker sowie Listen und Biografien niedergelassener Ärzte und Ärztinnen in Tiergarten, im Gesundheitsamt Tiergarten und im Städtischen Krankenhaus Moabit. Die Kapitel sind umfangreich bebildert. Bitte hier weiterlesen:

http://gleis69.de/projekte/aktuelle-projekte/juedische-aerzte-und-apotheker-in-tiergarten

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