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Zu Gast in der Birkenstube

Interview mit Christian Hennis in der Birkenstube

Was genau passiert in der Birkenstube? Wie oft bin ich schon an dieser Einrichtung vorbei geradelt oder habe direkt gegenüber eingekauft, ohne sie zu bemerken. Das ist so gewollt, berichtet Christian Hennis, der Leiter der Vista-Einrichtung Birkenstube, mit dem ich gleich per Du bin. So wie das Personal mit den Besuchern, 90 Prozent von ihnen sind männlich. Damit die Einrichtung nach außen hin nicht auffällt, werden die Gäste dazu angehalten, sich vor der Tür ruhig zu verhalten. Das ist eine der Regeln, die hier gelten. Weitere lauten: „Kein Konsum in der Nachbarschaft“ und „Keine Gewalt, kein Schimpfen, kein Drohen“. Die Birkenstube ist eine Einrichtung der niedrigschwelligen Drogenhilfe. So bezeichnen Drogenfachleute, was hier geschieht. Im Gegensatz zu Einrichtungen der Suchthilfe, in denen versucht wird, die Menschen vom Drogenkonsum wegzubekommen, dürfen sie hier in Ruhe zu ihrer Droge greifen.

„Uns ist hier in all den Jahren noch niemand gestorben.“
In den meisten Fällen ist das Heroin, was mit rund 1.000 von den 1.300 Konsumfällen pro Monat weit vor Kokain und Amphetaminen führt. Konkret geschieht das im Konsumraum. Christians Kollegen sind sieben junge Frauen und Männer. Die Hälfte von ihnen hat beruflich einen medizinischen Hintergrund, die anderen sind Sozialarbeiter. Der Druckraum erinnert an einen Raum in einer Arztpraxis. Bis zu sechs Menschen können sich hier unter Aufsicht des Personals Heroin oder anderes spritzen. Dabei gilt die Regel: „Nicht mit offener Nadel aufstehen“. „Wir haben hier Sauerstoff und alles zur Wiederbelebung da“, so Christian. Das Birkenstube-Team muss ab und zu rettend eingreifen. Christian kann man seinen Stolz darauf anmerken, „dass uns hier in all den Jahren noch niemand gestorben ist“. Wer seine Droge lieber raucht, kann dies in einem extra dafür vorgesehenen Raucherraum machen. Dort kann man sich inklusive der Vorbereitung mindestens eine halbe Stunde Zeit nehmen und macht hinterher auch sauber.

Ein sicherer Ort vor dem Drogentod, vor Infektionen, vor der Diskriminierung als Junkie und der Isolation
Zum Interview, das wir im Büro führen, geht es durch den Raum mit mit Tresen und Aufenthaltsbereich, in dem Essen und Trinken zu sehr günstigen Preisen angeboten wird. In den Ecken dösen gerade drei junge Männer in Sesseln. Ein Schwerpunkt der Gäste sind Männer im Alter von Mitte dreißig, so Christian. „Bei uns können sie ungestört und vor allem ohne Verfolgungsdruck Drogen zu sich nehmen,“ erzählt der Diplom-Sozialpädagoge. „Wir sind eine temporär freie Zone für Menschen, die eine Ruhepause brauchen, in der ihnen keine Bestrafung wie sonst überall ‚draußen‘ droht. Hier treffen sie auf ihnen wohlgesonnene Leute und werden nicht voll getextet. Vor allem sind sie hier sicher vor dem Drogentod, vor Infektionen, vor der Diskriminierung als Junkie und natürlich vor der Isolation“. Denn hier treffen sie auf Gleichgesinnte, die ähnliche Lebenserfahrungen gemacht haben und diese miteinander teilen. Das sind Dinge, über die sie sonst kaum mit anderen Menschen reden können. Die Zusammentreffen an einem geschützten Ort sind sehr wichtig für Menschen, denen sehr oft mit Vorurteilen wie „Junkies klauen, lügen und stinken“ begegnet wird. Außerdem wird hier seitens des Personals nicht gewertet, in welchem Maße jemand „drauf“ ist. In der montags bis freitags von 10.30 bis 16.30 Uhr geöffneten Birkenstube zählt nur, ob man sich benehmen kann. Einzige Voraussetzung für den Besuch ist, dass man sich an die Sicherheits- und Umgangsregeln hält, denn die Birkenstube ist kein Ort für Streit und „Aggro-Nummern“.

„Hier wird einem nichts über geholfen.“
Wer die hier gültigen Regeln ignoriert, bekommt Hausverbot. Die Besucher finden am häufigsten durch Mund-zu-Mund-Propaganda in die Räumlichkeiten in der Birkenstraße Ecke Stromstraße. Manche kommen nur für ein paar Minuten hinein, andere verbringen hier Stunden. Manch einer schläft sich in Ruhe nach einer Nacht auf Crystal hier aus. In Ruhe, weil er hier nicht wie anderswo draußen während des Schlafs beklaut wird. Es gibt etwas zu essen und zu trinken, außerdem können sich die Gäste duschen und Wäsche waschen. Nicht zu vergessen – wenn gewünscht – sind die Beratungen. „Aber hier wird einem nichts über geholfen.“ Christian und sein Team sind vor allem im Bereich der konkreten Lebenshilfe aktiv. „Viele denken von heute bis morgen“, sagt er, „da geht es ums Überleben. Kaum einer denkt strategisch, wie er aus seiner Situation heraus kommen könnte. Die meisten suchen eher unsere Assistenz in ihrer Armutssituation.“ Konkret geht es Fragen wie nach einem sicheren Schlafplatz für die Nacht, um eine neue Brille, um ein Paar Schuhe, aber auch darum, wie man beim Jobcenter Leistungen nach ALG-II beantragen kann. Der passionierte Fotograf Christian fertigt in der Birkenstube auch Passbilder für einen Euro an. Diese werden oft nachgefragt, weil es unter den Besuchern sehr häufig jemanden gibt, der gerade seinen Ausweis verloren hat. 

Rund 80 Konsumvorgänge am Tag
Die Gäste stammen aus über 30 Ländern, rund 60 Prozent von ihnen haben keinen deutschen Pass. Das Birkenstube-Team verfügt nicht nur über deutsche und englische Sprachkompetenzen, die Ansprache kann auch auf Russisch, Italienisch und Serbokroatisch erfolgen. In den vergangenen sechs Jahren ist die Besucherzahl sehr angestiegen. Im Vergleich zu 2013 hat sie sich etwa verdoppelt. Aktuell finden rund 80 Konsumvorgänge am Tag statt. „2018 sind wir an unsere Grenzen gekommen“, berichtet Christian. Der gebürtige Hamburger, der seit 1985 in Berlin lebt und seit der Wende in diesem Bereich arbeitet, berichtet vom schlechten Stand der niedrigschwelligen Drogenhilfe gegenüber der traditionellen Drogenhilfe in der Vergangenheit. Früher hörte er oft den Vorwurf, dass man sich hier mit den Junkies verbrüdere. „Wir schmieren ihnen Brote statt sie von den Drogen wegzukriegen, hieß es.“ Mittlerweile erhält die Arbeit seiner Mannschaft „ohne erhobenen Zeigefinger“ mehr Anerkennung seitens der Politik. Die Einrichtung ist einer von drei Drogenkonsumräumen in Berlin, die beiden anderen befinden sich in Kreuzberg und Neukölln. Sie wurden aufgrund des Paragrafen 10 a des Betäubungsmittelgesetzes vom Land Berlin eingerichtet. Die Birkenstube wurde im Jahr 2004 gegründet und agiert unter dem Dach des Verbunds für integrative soziale und therapeutische Arbeit gGmbH, kurz Vista. 

„Wir sehen ihre Verelendung und stärken uns gegenseitig bei den Teambesprechungen und durch die Supervision.“
Der Besuch in der Birkenstube macht mich traurig. Ich frage Christian danach, wie er und sein Team das tägliche Elend überhaupt aushalten können. „Man muss sich seiner fachlichen Kompetenzen sicher sein und sich immer wieder sagen, dass man den Menschen hilft. Man sollte neben der emotional harten Arbeit ein eigenes Leben als Ausgleich haben, und es sich in der Freizeit gut gehen lassen können. Man sollte ehrlich, wahrhaftig und ungekünstelt sein.“ Aus seinen Äußerungen spricht die Gelassenheit langjähriger Erfahrungen. „Wir sehen ihre Verelendung und stärken uns gegenseitig bei den Teambesprechungen und durch die Supervision.“ Von Erfolgen kann er auch berichten, wenn auch anders als erwartet: „Für uns ist es schon ein Erfolg, wenn jemand, der schon lange zu uns kommt, immer noch lebt, oder wenn jemand heute sogar wieder besser aussieht als früher.“ Seine Zukunftswünsche beziehen sich gar nicht auf die Birkenstube selbst, denn die sei inzwischen personell – nach den schwierigen Anfangsjahren – besser ausgestattet. Viel wichtiger wäre es, dass Berlin weitere solche Drogenkonsumräume in anderen Stadtteilen einrichtet und erweiterte Öffnungszeiten angeboten werden könnten, denn der Bedarf steigt und die räumliche Nähe sei ein Vorteil für die Besucher. Im Osten Berlins gibt es bislang keinen einzigen solchen solidarischen Freiraum für Drogenabhängige, die einer sehr großen Diskriminierung ausgesetzt sind.

Kontakt: Birkenstube, Birkenstraße 51, 10559 Berlin, Tel. 030/ 447213-53, www.vistaberlin.de

Text: Gerald Backhaus, Fotos: Innenaufnahmen Birkenstube von Christian Hennis, alle übrigen Fotos von Gerald Backhaus.

Zuerst erschienen auf der Webseite des Quartiersmanagements Moabit-Ost.

Ein Kommentar auf "Zu Gast in der Birkenstube"

  1. 1
    Chrissi says:

    Ich wohnte schon in Moabit, als die Birkenstube eingerichtet wurde. Und ich kann mich gut erinnern, wieviele Bedenken und Vorurteile die Anwohner hatten und dass sie die Einrichtung verhindern wollten. Nach einiger Zeit wurden sie dazu nochmals befragt und mussten zugeben, dass sich nichts davon bestätigt hatte.
    Ich bewundere das Team für ihr Engagement für die, die sonst keine Lobby haben und wünsche ihnen viel kraft für ihre weitere Arbeit. Es ist sehr gut, dass es solche Einrichtungen gibt!

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