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Was soll das eigentlich sein: „experimentelles Wohnen“?

An der Rathenower Straße 16 ist Wohnungsneubau für besondere Zielgruppen geplant

Ende Februar hat ein Gutachtergremium aus WBM, GSE, Senats-, Bezirks- und Nachbarschaftsvertretern entschieden, mit welchem städtebaulichen Konzept an der Rathenower Straße 16 neu gebaut werden soll. Das Ergebnis wird aber vermutlich erst nach einer weiteren Überarbeitung bekannt gegeben.

Worum geht es überhaupt? 2011 wurde ein Bebauungsplan aufgestellt, der den Verkauf des Grundstücks für „höher­wertigen“ Wohnraum vorsah mit einem neuen Platz als einladende Eingangssituation in den Fritz-Schloß-Park. Zuvor waren mehrere Stellen des Bezirksamts aus dem in den 1970er Jahren erbauten Ensemble zwischen Jugendklub und Kita ausgezogen. Das achtgeschossige Hochhaus, das flache Riegelgebäude am Hang des Fritz-Schloß-Parks und der davorliegende künstliche Hügel mit Garagen sollte komplett abgerissen werden. Die GSE schaltete sich ein, denn viele soziale Träger suchen händeringend Räume. So konnte der Verkauf gestoppt und Mitte 2015 mit Bezirksamtsbeschluss ein Konzept festgeschrieben werden für den Erhalt des Hochhauses und Erweiterung des Standortes für Jugend, Soziales und Kultur, Ateliers, Übungsräume, Räume für betreutes Wohnen von Jugendlichen und Erwachsenen, Seniorenwohnen und sogenanntes Clusterwohnen. Damit sind 1- und 2-Zimmer-Wohnungen mit eigenem kleinen Bad und einer gemeinsamen großen Küche gemeint. Sie ermöglichen gemeinschaftliches Wohnen, bieten aber wesentlich mehr Rückzugsraum als in der klassischen Wohngemein­schaft.

Ende 2015 gewann die GSE gemeinsam mit acht anderen Projekten mit einem Konzept von S.E.K. Architektinnen Fördermittel für das Vorhaben. Das Grundstück wurde vom Senat aber nicht übertragen. Die WBM musste einspringen und es dauerte einige Jahre bis die verschiedenen Beteiligten sich einigen konnten, während das im gleichen Verfahren ausgezeichnete Haus der Ostseeplatzgenossenschaft an der Lynarstraße im Wedding bereits bezogen wird. Soweit der Vorlauf zum jetzigen Verfahren.

An der Bürgerversammlung Ende Januar nahmen etwa 60 Interessierte teil. Drei sehr unterschiedliche Entwürfe wurden vorgestellt und nach einigen allgemeinen Nachfragen im Plenum in drei Arbeitsgruppen an den jeweiligen Modellen diskutiert. Nach einiger Zeit wurden die Plätze getauscht. Alle Anregungen, Wünsche und Beurteilungen wurden auf Karten geschrieben. Dieses Verfahren war sehr gut geeignet viele zu Wort oder zu Stift kommen zu lassen, anstatt sich in Kontroversen von Wortgewaltigen zu verheddern. Allerdings dürfte es nicht ganz einfach sein, Kompromisse aus den teils sehr gegensätzlichen Vorschlägen zu erarbeiten. Während die einen dafür plädieren, das Ensemble entweder komplett aufgrund des Denkmalwertes oder auch nur im hinteren Grundstücksbereich zu erhalten, da es sehr gut an den Geländesprung angepasst ist, forderte ein anderer Teilnehmer vehement den Komplettabriss. Doch das achtgeschossige „Hochhaus“ wird genutzt und soll stehen bleiben. Das Büro S.E.K. Architektinnen hat in seinem Entwurf einen kleinen Teil des Flachbaus erhalten und auch die Lage des öffentlichen Platzes gegenüber den Vorgaben etwas nach Süden verschoben. Das wirkte auf viele überzeugend, sodass etliche Kärtchen „bester Entwurf“ hier aufgehängt wurden. Die Lage des Platzes an der Einmündung der Birkenstraße überzeugte viele, während Vertreter der Jugendverwaltung das zusätzliche Gebäude vor Jugendklub und Familienzentrum störte und sie Schmuddelecken befürchten. Eine überzeugende Lösung für einen barrierefreien Zugang zum Park, der Platz und Wohngebäude nicht beeinträchtigt, muss noch gefunden werden. Während in der Aufgabenbeschreibung nur 10 Behindertenstellplätze und Fahrradstellplätze vorgesehen sind, forderte das ansässige „Haus der Weisheit“ Parkplätze ein.

Leider ist in dieser Planung überhaupt kein Platz für die notwendige Schulerweiterung der anliegenden Kurt-Tucholsky-Grundschule. Nachdem diese Schule schon seit mehr als 20 Jahren durch Containergebäude in der Kruppstraße erweitert wurde und dort auch kürzlich ein neuer Schulhof gebaut wurde, soll in den nächsten Jahren das seit vielen Jahren leerstehende Haus Kruppstraße 14 A als Schulerweiterung umgebaut werden. Dafür eignet es sich allerdings kaum. Vielleicht sollte man aus heutiger Sicht diese beiden Planungen, die jahrelang nebeneinander herliefen, neu überdenken und einen Campus an der Rathenower Straße planen und die verschiedenen experimentellen und betreuten Wohnformen an der Kruppstraße entwickeln.

Fotos: Susanne Torka, Jürgen Schwenzel, Grafik: WBM

Zuerst erschienen in der »ecke turmstraße«, nr. 1, märz/april 2019.

Ein Kommentar auf "Was soll das eigentlich sein: „experimentelles Wohnen“?"

  1. 1
    Moabiter says:

    Im „Tagesspiegel-Leute“ taucht in einem Bericht zum Vorkaufsrecht zur Rathenower Straße 59 auch die Information auf, dass die Entscheidung über den Sieger des städtebaulichen Wettbewerbs für die Rathenower 16 zwischenzeitlich gefallen ist. Gewonnen hat demnach das Büro DAHM Architekten und Ingenieure mit dem Neubau eines U-förmigen Wohnblocks, der sich zur Fritz-Schloss-Park Seite hin öffnet.
    https://leute.tagesspiegel.de/mitte/macher/2019/03/06/74322/zittern-bis-zum-schluss-und-ein-neues-quartier/?utm_source=TS-Leute&utm_medium=link&utm_campaign=leute_newsletter

    Die Morgenpost hatte Fotos von der öffentlichen Veranstaltung zu einem Zwischenstand des Wettbewerbs publiziert, in dem der damalige Entwurfsstand abgebildet war. Aber eine offizielle Meldung mit Visualisierungen zum Endergebnis gibt’s anscheinend noch nicht. Die Abbildung des Zwischenstands des DAHM Entwurfs lässt mich Schlimmes befürchten…
    https://www.morgenpost.de/bezirke/mitte/article216298599/Moabit-bekommt-neuen-Stadtplatz-und-experimentelles-Wohnen.html

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