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Wenn unser Haus verkauft wird …

Das Netzwerk »Häuser bewegen« leistet emotionale Hilfe für betroffene Mieter

Der boomende Immobilienmarkt in Berlin lockt nicht nur Spekulanten in unsere Stadt. Er entfacht auch die Ängste der meisten Mieter. Und wenn es dann tatsächlich soweit ist und das Haus, in dem man wohnt, verkauft wird, fühlt man sich meist hilflos und verzweifelt. Man braucht dann nicht nur Rechtsberatung durch Mieterorganisationen und gegebenenfalls den administrativen Beistand des Stadtplanungsamtes, sondern vor allem erst einmal emotionale Unterstützung.

Die Bewohnerinnen und Bewohner des Mietshauses Amsterdamer Straße 14 und Malplaquetstraße 25 im Milieuschutzgebiet »Leopoldplatz« kennen die Situation aus eigener Erfahrung. Ihr Haus wurde Ende 2017 verkauft und war das erste, für das der Bezirk Mitte im Januar 2018 eine sogenannte »Abwendungsvereinbarung« erstritten hat, die den neuen Eigentümern zu weitreichenden Konzessionen an die Mieter verpflichtet. Für die Bewohner fühlte sich das dennoch wie eine Niederlage an, denn sie hatten gleichzeitig in einem großen Kraftakt eine alternative Finanzierung aufgebaut und hätten das Haus selbst erwerben können, falls der Käufer diese Vereinbarung nicht unterzeichnet hätte. »Wir haben in diesen Wochen so viel Wissen aufgehäuft, dass wir selbst schon zu Experten geworden sind«, so erzählen sie heute.

»Eure Tipps waren unheimlich wichtig«
Auf einer Veranstaltung in der »Werkstatt« im Haus der Statistik am 6. Dezember diskutierten sie mit dem Bezirksstadtrat Ephraim Gothe und vor allem mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Hausgemeinschaften, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Denn ihr Verein »AmMa 65« widmet sich jetzt der Unterstützung dieser Mieter und dem Aufbau des Netzwerks »Häuser Bewegen« und wird dabei vom Bezirk gefördert. »Die Hilfe durch ›Häuser Bewegen‹ war am Anfang für uns das Allerwichtigste«, berichtete etwa eine Mieterin des Wohnhauses Sanderstraße 11 im Neuköllner Milieuschutzgebiet Reuterplatz. »Die sagten nicht: Kommen Sie bitte in unsere Sprechstunde, sondern fragten: Wann können wir bei euch vorbeikommen? Und sie waren uns auch vor allem seelisch und emotional eine große Hilfe, weil sie genau wussten, was wir gerade durchmachten.« Bei der Sanderstraße 11 hatte die Wohnungsbaugesellschaft »Stadt und Land« abgelehnt, in den Kauf einzutreten, weil sie das wirtschaftlich nicht für vertretbar hielt. Die Mieterinnen und Mieter hatten aber aus eigener Kraft eine andere Wohnungsbaugesellschaft zusammen mit einer Genossenschaft dafür gewinnen können. Der Käufer aus Frankfurt am Main unterzeichnete deshalb die Abwendungsvereinbarung, wobei er allerdings einige Passagen der vom Bezirk vorgelegten Vorlage eigenmächtig veränderte. Deshalb steht jetzt wieder das Vorkaufsrecht im Raum, möglicherweise kommt die von den Mietern favorisierte Lösung ja dennoch zustande. Ein ziemliches Hin und Her also, wobei die Initiative der Mieter entscheidend war, die unter großem zeitlichen Druck agieren mussten: »Eure Tipps dazu waren unheimlich wichtig!«

Jeder Fall ist anders
Aber jeder Fall ist anders gelagert und auf der Veranstaltung kamen viele Fälle zur Sprache. In einigen Häusern fällt es schwer, die sprachlich und kulturell sehr unterschiedliche Bewohnerschaft zu einer Hausversammlung zusammenzubringen. Die Gleimstraße 56 in Prenzlauer Berg organisierte dagegen quasi im Handumdrehen gleich ein ganzes Straßenfest. In vielen Fällen liegt das Haus auch nicht in einem Milieuschutzgebiet, so dass der Bezirk kein Vorkaufsrecht ausüben kann. Eine Mieterin aus der Torstraße 225 berichtete zum Beispiel davon, dass der alte Hausverein, der 1998 schon mal im Abwehrkampf gegen überzogene Modernisierungsmaßnahmen gegründet worden war, wieder aufgelebt ist und dass sich die Mieter mit denen aus anderen Häusern zusammentun, die von derselben für Luxusmodernisierungen bekannten schwedischen Investmentfirma »Akelius« aufgekauft sind oder aufgekauft werden sollen. Dazu gehören auch die Häuser Triftstraße 54 und Maxstraße 28 in den Weddinger Milieuschutzgebieten Sparrplatz und Leopoldplatz.

Auch die Verwaltung zeigt Einsatzwille
Recht gut scheint im Bezirk Mitte auch die Zusammenarbeit mit der Bezirksverwaltung zu funktionieren. Das zeigte sich am Beispiel der Koloniestraße 10 im Milieuschutzgebiet Reinickendorfer Straße, wo am Tag der Veranstaltung frühmorgens Bauarbeiter eingerückt waren, um Garagen auf dem Grundstück abzureißen, aber die dazu notwendige Genehmigung des Stadtplanungsamtes nicht vorweisen konnten. Das von den Mietern alarmierte Amt verhängte umgehend einen Baustopp. Angeblich sei sogar ein Mitarbeiter des Umweltamtes aufgetaucht, der sich mit einem Fotoapparat bewaffnet auf die Suche nach Spuren geschützter Fledermäuse und Vögel machte, um dem Bezirk gegebenenfalls eine weitere Handhabe gegen den Abriss zu verschaffen. Die Mitarbeiter der Verwaltung sind ja meist auch Mieter und kennen deshalb die Ängste, die man im Berlin davor hat, dass das Haus, in dem man wohnt, von einer fremden Macht übernommen wird. Die emotionale Hilfe, die der Verein AmMa 65 den direkt Betroffenen anbietet, strahlt deshalb auch auf die Nachbarschaft aus. Das mit Transparenten geschmückte Haus ist im Malplaquetkiez jedenfalls ein Symbol dafür, dass man sich nicht widerstandslos diesen Mächten ergeben muss. Ein Nachbar habe ihr einmal erzählt, so berichtet eine Bewohnerin, wie das auf ihn wirke: »Immer wenn ich an Eurem Haus vorbeikomme, lächle ich.«

Kontakt zu »Häuser bewegen« nimmt man am besten über die Website »amma65.de« auf.

Dass auf der Veranstaltung nicht von Häusern aus Moabit die Rede war, liegt daran, dass dort schon seit vielen Jahren ein anderes Netzwerk für solche Fälle existiert, der »Runde Tisch Gentrifizierung Moabit«.
Dieser trifft sich regelmäßig an jedem zweiten Dienstag im Monat um 19 Uhr in der Kontaktstelle PflegeEngagement in der Lübecker Straße 19. Über facebook kann man Kontakt aufnehmen: www.facebook.com/mietenalarm oder während der Öffnungzeiten des B-Ladens mo + do 15-18 Uhr persönlich oder telefonisch: 030 3975238.

Text: Christof Schaffelder, Foto: Christoph Eckelt, bildmitte

Zuerst erschienen in der „ecke turmstraße„, Nr. 8-2018 für Dez 2018 / Jan 2019

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