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Aus der Geschichte des Hauses Alt-Moabit 19

Besuche im Gewerbehof Alt-Moabit 19 standen schon verschiedentlich bei Rundgängen des Heimatvereins und Geschichtswerkstatt Tiergarten auf dem Programm. Lässt sich hier doch anschaulich die Situation und das Lebensgefühl in den Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Moabiter Mietskasernen erklären: Wohnen und Arbeiten eng beieinander – in den Remisen, in den Höfen, selbst in vielen Kellern gab es Handwerksbetriebe, Lager und andere Arbeitsstätten. Hinweise darauf bietet der Hof noch einige. Zudem liegt das Haus direkt neben der denkmalgeschützten ältesten Moabiter Apotheke in Alt-Moabit 18. Diese ist 1857 gebaut und eines von nur noch drei erhaltenen Häusern, die aus der vorstädtischen Phase Moabits stammen.

Anlässlich des Moabiter Kunstfestivals Ortstermin 2017 besuchte ich mit einer Gruppe Interessierter eine Ausstellung in der „Trick-Reich“-Werkstatt in Alt-Moabit 19. Die dortigen Künstler hatten sich erstmalig am Ortstermin beteiligt. Christoph von Lengerke erzählte einiges aus der Geschichte des Hauses und zeigte uns die ehemalige Pferderampe, die in den ersten Stock führt. Er vermittelte ein Gespräch mit dem langjährigen Hauseigentümer, Hans-Joachim Fritz, Jahrgang 1929, den ich in Begleitung seiner Tochter, die das Haus seit 2012 übernommen hat, besuchen durfte.

Das Haus dürfte 1887 erbaut worden sein und gehörte dem Fuhrunternehmer Reinhold Wilske, der sowohl einfache Fuhrwerke und Kohlewagen als auch elegante Equipagen und Brautkutschen bereitstellte. Einige der alten Werbe-Aufschriften in der Durchfahrt wurden nach der Renovierung erneuert. Zwölf Pferde standen im Stall, der sich ebenso wie eine Kammer für die Knechte im ersten Stock der Remise befand. Tag und Nacht musste hier ein Pferdeknecht anwesend sein, eine Stahlwendeltreppe, über die er sich im Falle eines Brands hätte retten können, ist erhalten. In späteren Zeiten wurden die Garagen von einem Taxiunternehmer genutzt mit einer Tankstelle auf dem Hof. Um diese Benzintanks – es waren zwei mit einem Fassungsvermögen von je 3.000 Litern – hatte es mal Schwierigkeiten gegeben. Die Anzeige eines Mieters rief die Senatsverwaltung auf den Plan. Doch konnte Fritz beweisen, dass sie ordnungsgemäß geleert, zugekittet und verplombt worden waren. Ein kleiner verrosteter Draht war das Beweisstück.

Seit der Vater von Hans-Joachim Fritz das Haus nach dem Zweiten Weltkrieg gekauft hat, ist es im Besitz der Familie. Wie so oft bei Menschen seiner Generation spielten viele Geschichten, die mir Herr Fritz erzählte, im Krieg. Er war bei Ausbruch des Krieges 10 Jahre alt und lebte in Schmargendorf. So konnte er nur vier Jahre die Schule besuchen, bis diese geschlossen wurde. Sein Vater betrieb eine Sackgroßhandlung in Berlin und eine Schweinemästerei in Finowfurt. Die Mehlsäcke wurden eingesammelt und enthielten oft noch kleine Reste Mehl. Diese mageren Resten wurden mit Wasser vermengt und damit die Schweine gefüttert. Nach dem Umsturzversuch des 20. Juli 1944 war er mit seinem Fuhrwerk gerade unterwegs über Schmargendorf, am Schloss in Niederschönhausen vorbei nach Bernau, als er an der Stadtgrenze angehalten wurde, und Soldaten mit langen Stangen die Futtertonnen nach den Attentätern durchsuchten.

Fritz erzählt, dass im 2. Obergeschoss der Remise 25-30 Drehbänke einer Maschinenbaufirma standen, die Waffen produzierte – in drei Schichten Tag und Nacht. Die dort arbeitenden alten Herren, seien sehr stolz auf den geringen Ausschuss von nur 0,2% gewesen. Fritz selbst wurde nicht eingezogen, da er eine Bäckerausbildung begann; Bäcker und Schlächter wurden nicht eingezogen.

Um das Haus Alt-Moabit 19 hatte sich sein Vater nicht groß kümmern können. 1970 kaufte Hans-Joachim Fritz seinem Vater das Haus ab. Er selbst betrieb eine Großbäckerei mit Pralinenabteilung, die auch Krankenhäuser und Altersheime belieferte. Sie existiert weiterhin in der Breite Straße 22, inzwischen geführt von der Familie Jebens.

Bis in die 1970er Jahre hatten sich die Wohnverhältnisse in Alt-Moabit 19 nicht wesentlich verändert seit dem Bau des Hauses: Toiletten auf halber Treppe, Einfachfenster, geheizt wurde mit Kachelöfen, gekocht mit den sogenannten Kochmaschinen. Vier Wohnungen standen leer, lagen voller Müll und in den Remisen harrten nur noch 2-3 Gewerbetreibende aus. Nach und nach ließ Fritz in die Wohnungen Doppelfenster, Gasetagenheizungen und Bäder einbauen. Auch um die Remisen kümmerte er sich. Für Fabriken waren die Räume nicht mehr geeignet. Die Maschinen waren größer geworden und passten nicht mehr hinein. Wie lange die Zigarrenfabrik Schmidt, deren Schriftzug verblasst auf der Fassade noch zu erkennen ist, produzierte, konnte er sich nicht erinnern. Doch hat er gerne an Handwerker und Gewerbetreibende vermietet: so an die Tischlerei Andreas Bittner, den Wochenmarktveranstalter Gakenholz & Gellesch, Architektur und Möbelbau Stefan Pernthaller, Bühnen- und Kostümbildner Ateliergemeinschaft Schiller-Hartmann und die neu gegründete Bürogemeinschaft „Alt-Moabit 19“, die Arbeitsplätze für Freiberufler in angenehmer Arbeitsumgebung zu fairen Preisen bietet (bei Interesse: altmoabit19@gmail.com). Seit den 1990er Jahren gibt es ein Tonstudio, erst Schwerdtmann, heute Momag Audio. Vor ein paar Jahren hat auch die Internetbranche Einzug gehalten, dies in Form der Agentur für Design, digitales Marketing, Softwareentwicklung und sonstige kluge Lösungen Neue Werte.
Wer nicht im Internet bestellen möchte, findet im Haushalts- und Eisenwarenladen Gericke der Eheleute Clemens fast alles für den täglichen Bedarf.

Fritz vermietete auch gerne an Künstler. Einer von ihnen ist Kurt Koch im Quergebäude, ein anderer Jens Jensen im ersten Stock rechts. Der sei damals sehr froh über die großen Räume gewesen: „Da kann ich meine Bilder auf der Erde malen“ und dann sei er immer wieder nach Paris gefahren. Mehrere Künstler hatten in Alt-Moabit 19 ihre Ateliers, auch Bühnenbildner, so auch Albrecht Gehse. Hier schuf Gehse auch sein umstrittenes Porträt von Helmut Kohl. Fritz erzählt, dass Kohl sich beschwerte, dass es keinen Aufzug gab, um in das Atelier zu gelangen. Gehse war damals als Maler noch nicht so anerkannt, heute liegt sein Atelier auf der Havelinsel Eiswerder, wohin auch Halder mit seinem „Meilenwerk“ aus Moabit umgezogen ist.

Während das Vorderhaus neben der Apotheke liegt, grenzt der rechte Teil der Remise, in der sich früher der Pferdestall befand, direkt an die JVA Moabit. Auch davon kann Fritz Geschichten erzählen, z.B. als Bubi Scholz 1984 einsaß, weil er seine Frau erschossen hatte. Ein Fernsehteam der Wochenschau wollte aufs Dach um Bilder von ihm beim Hofgang zu machen. Mieter riefen an: „Was sollen wir machen?“ Fritz: „Holt die Polizei! Das kommt gar nicht in Frage! Man soll ihn in Ruhe lassen und außerdem würde dabei ja das ganze Dach kaputt gehen.“ Schließlich war das immer noch ein Notdach aus Teerpappe. Noch heute kann er sich über den Run auf Sensationsbilder aufregen. Das dritte Geschoss und das neue Dach der Remise sind erst 2011 fertig geworden.

Eine andere Geschichte erschüttert Fritz noch immer. Anfang der 1990er Jahre sollten die Wohnhäuser an der Ecke Wilsnacker Straße für die Erweiterung des Justizblockes abgerissen werden. Bis auf Alt-Moabit 19 hatte das Land Berlin sie bereits aufgekauft. „Meine Gewerbemieter bekamen eine Mitteilung, ich hätte mein Haus verkauft und sie sollen ihre Miete auf ein neues Konto einzahlen. Die haben mich vielleicht beschimpft“, berichtet Fritz empört und kramt einen zerknitterten Brief vom 1. Juli 1991 heraus. Unterschrieben ist dieser von Dieter Ruhnke, immer noch Geschäftsführer der GSE (Gesellschaft für Stadtentwicklung), Treuhänder des Landes Berlin, die seitdem die Häuser Alt-Moabit 18, 20-22 sowie die Wilsnacker Straße 1-2 bewirtschaften. Angesprochen auf die damalige Situation kann Ruhnke sich nicht mehr erinnern. Fritz aber umso deutlicher: „Ich sollte wohl entschädigt werden, mit einem anderen Haus, irgendwo. Aber das kam überhaupt nicht in Frage! Gerade war der zweite Aufgang fertig renoviert. So was lasse ich doch nicht abreißen! Es hatte sogar schon eine Abrissfirma angefragt, ob es bei mir Kupferrohre zu entsorgen gäbe.“ Alle haben sich zusammengetan, Gewerbetreibende, Mieter, Hausbesitzer und empörte Nachbarn. Die Bürgerinitiative „Wohnen gegen Justizfestung“ wurde gegründet und der Abriss der Häuser verhindert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Im letzten halben Jahr erst wurde die Fassade des Vorderhauses renoviert und strahlt weiß in der Sonne, wenn die denn scheint.

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